Freiraum für Solisten

Otto Schily wird dieser paradoxen Rolle am ehesten gerecht. Er hat es verstanden, gleichermaßen dezent wie kompromißlos, den Flick-Ausschuß des Bundestages in einen Gerichtssaal zu verwandeln. Die Zeugen fanden sich von ihm unversehens in den Anklagestand versetzt. Dabei trat Schily weniger als Grüner denn als Anwalt auf: mit genauer Aktenkenntnis, formbewußt und verschlagen genug, um seine Gegenüber in Verlegenheit zu stürzen. Manch potentieller Zeuge mag zum unbedingten Befürworter der Rotation geworden sein; wenn sie im März wirksam wird, müßte Otto Schily seinen Platz im Ausschuß einem anderen Grünen überlassen.

Schily ist kein typischer Grüner. Seine Überzeugungen wurzeln in eigenem Grund; er ist keineswegs frei von den Allüren eines Einzelgängers. Die Grünen mögen keine Helden und tun sich deshalb schwer mit Schily. Nicht ohne Widerspruch blieb denn auch dessen parlamentarismusfreundlicher Kommentar zum erzwungenen Rücktritt des Bundestagspräsidenten. Nein, so sagte Schily, das politische System habe sich in diesem Falle bewährt. Die Tatsachen sprachen für den Parlamentarismus, nicht dagegen.

Die Attraktivität der Grünen hängt damit zusammen, daß sie Solisten wie Schily Freiraum gewähren. Die Grünen achten andererseits darauf, daß es nicht zu viele medienwirksame Vortänzer gibt. Merkwürdig daran ist nur, wie beides derzeit vom Publikum belohnt wird. Die Besonderheit deutet auf zweierlei hin: Die Grünen sind ein Phänomen, das dank seiner Eigenheiten gewählt wird; das Widersprüchliche ist ihr besonderer Charme. Und: Die Grünen lassen sich vom Erfolg berauschen und treiben zwanglos auf dessen Wogen. Sie müssen erst noch herausfinden, was das alles für sie bedeutet.

Vorerst halten sie ganz still und nehmen die Wählergunst dankbar an. Warum sollten sie sich gerade jetzt ändern? Schließlich kommen sie so gut an, wie sie eben sind; anders, buntscheckig, unberechenbar. Nicht, daß sie mit so viel Aufwind gerechnet hätten. Aber der Erfolg scheint ein Selbstläufer zu sein, weil die Grünen – siehe Waldsterben, siehe Verquickung von Industrie und Politik – recht hatten; weil sie von den Irrtümern und Halbherzigkeiten der anderen leben.

Die jüngsten Ereignisse scheinen geradezu ein Plädoyer dafür zu sein, so zu bleiben, wie die Grünen sind. Weder Nordrhein-Westfalen noch Baden-Württemberg sind gemäß Sozialstruktur oder Tradition typisch grüne Regionen. Seitdem sie auch dort Rathäuser stürmen dürfen, über Mehrheiten mitbestimmen und nicht einmal davor zurückschrecken – wie die grünen Bürgermeister in Leverkusen und Wuppertal –, selber in Amt und Würden zu treten, darf man getrost von einem Trend zu den Grünen sprechen.

Als weiterer Beleg kann Baden-Württemberg dienen. Die Anfänge vor Jahren waren labil. Den Einzug in den Stuttgarter Landtag schafften die Grünen vor fünf Jahren nur knapp. Bei der Bundestagswahl 1980 bekamen sie im "Ländle" nur 1,8 Prozent. Von da an ging es bergauf: 6,8 Prozent erhielten sie bei der Bundestagswahl 1983; in den Landtag zogen sie 1984 mit acht Prozent ein und steigerten sich bei der Europawahl auf 10,1 Prozent. Zweistellig dürfte das Ergebnis auch diesmal bei der Kommunalwahl, vom Wochenende ausfallen. Es grünt im Ländle.