Die Grünen blicken landauf, landab erst einmal befriedigt zurück und nicht nach vorne. Vieles ist nicht eingetreten, was ihnen nach dem Machtwechsel 1983 prophezeit worden war. Zwar haben Union und FDP eine stabile Mehrheit im Bundestag; aber den großen Problemen der Zeit haben sie sich nur halbherzig gewidmet. Im übrigen, so dachte man nicht nur in Bonn, gehören die Grünen zur Erblast der abgelösten Koalition; die sozialdemokratische Opposition werde sie wohl aufsaugen. Daraus ist nichts geworden. Die "kulturelle Hegemonie" (Peter Glotz) liegt bei den grünen Newcomern, die es kaum fünf Jahre gibt. Sie hatten frühzeitig jene Themen besetzt, die inzwischen jedermann mehr oder weniger bewegen. Ihr historischer Pessimismus und ihr gesellschaftlicher Erneuerungsdrang beeindrucken manchen Wähler, obwohl er mit dem Milieu oder dem Weltbild der Grünen selber nichts anzufangen weiß.

Auch jene Theorie hat sich als irrig erwiesen, wonach die Republik fortan in zwei Lager – hier die unsicheren Kantonisten von Rot und Grün, dort die rechtschaffenen Demokraten in Union und FDP – auseinanderfallen würde. Wo die Grünen bei den Wahlen der letzten Zeit im Aufwind lagen, haben alle anderen verloren. Mehr noch, für die Union sind die Grünen kein äußerliches Problem mehr, sondern ein inneres. Wen gilt es zuerst zu retten: den Wald oder das schnelle Auto? An beiden hängt das Gemüt, aber beides läßt sich nicht mehr ungebrochen miteinander vereinbaren. Und dann die FDP: Ein guter Teil der grünen Wähler ist überdurchschnittlich gebildet und verdient viel Geld; das sind Bürgerkinder im Konflikt mit überkommenen Werten, also potentielle Liberale. Je mehr sich das Land aber an die Grünen gewöhnt, um so schlimmer für die FDP. Die Mehrheit links von der Union taucht plötzlich an Horizont auf, freilich anders als in den Wahlkämpfen an die Wand gemalt: trotz Stagnierens der SPD, dank des grünen Trends.

Wie sich doch der Blick geändert hat: Erst hat die bloße Existenz einer radikalen Umweltpartei wie ein Schock gewirkt. Jetzt sollen sie endlich mitregieren, um zu beweisen, daß es ihnen ernst ist. Vor einem Jahr mußte sich Holger Börner als Opportunist beschimpfen lassen, der um der Macht willen Hessen mit den Grünen ins Verderben stürze. In Nordrhein-Westfalen haben kürzlich grüne Gemeinderäte auch CDU-Bürgermeister ins Amt gehievt. Farbenfroh ist die Politik geworden, seltsam aufgeregt sind die Parteien und die Zeiten.

Das Beispiel Hessen

Umbruch und Übergang – in die Freude der Grünen mischt sich auch ein wenig Beklommenheit. Von den Veränderungen können sie selber am allerwenigsten verschont bleiben. Sie sind ja nicht der Urheber des Wandels von Stimmung, Themen und Problemen, sondern selber dessen Produkt. Nachdenklichen Gemütern drängen sich deshalb zwei profane Einsichten auf: Zunächst kann man nicht ungestraft Wahlen gewinnen und dann so tun, als sei nichts gewesen. Außerdem schmälert der Erfolg die Handlungsfreiheit; Radikalität ist der Vorzug des Ohnmächtigen, doch wer manches ändern will, muß anderes akzeptieren.

Zum Teil haben sich die Grünen schon gewandelt. Ihren Anfängen nach waren sie eine Anschauungspartei mit Bastionen im "hedonistischen Milieu", wie die Wahlforscher sagen: fast ausschließlich jungen Leuten, die an der Arbeitswelt leiden, traurig in die Zukunft schauen und auf ihren Individualismus pochen. Die Wechselwähler aus den etablierten Parteien lassen die Grünen derzeit eher als kleinste Volkspartei erscheinen Die Extreme: Hier Bauern, die gegen EG-Politik und Waldsterben protestieren; dazu Gefühlsgrund mit Liebe zur Heimat und Erinnerung an die Jugendbewegung. Dort Linke aus Subkultur und alten kommunistischen Sekten, die sich zumindest ein abstraktes Verständnis für die "Rote Armee Fraktion" und ihren Terrorismus nicht nehmen lassen. Die grüne Partei von heute – das ist wie ein Lumpensammler, der die außerparlamentarischen Oppositionen der Nach-Studentenbewegung eingefangen hat und zu dem nun ganz andere Leute kommen, die sich versuchsweise anschließen.

Die Grünen sind derzeit bunter, als ihnen selber lieb ist. Den Puristen ist denn auch die Aussicht gar nicht unlieb, daß der Trend sich als kurzfristige Mode entpuppen könnte. Petra Kelly hat mit ihrem Wunsch, die Grünen mögen niemals über 15 Prozent kommen, manchem aus der Seele gesprochen. Klein und rein zu sein, hülfe Debatten zu vermeiden, die nun unumgänglich sind. Aber der Erfolg hat eine eigene Dynamik.