Eine dritte Strömung bilden die Ökolibertären, die vor allem in Baden-Württemberg beheimatet sind. Sie favorisieren eine Partei, die sich als linke FDP institutionalisieren würde: sehr bürgerlich, nach allen Seiten offen und von der Idee einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft ohne große, übermächtige Organisationen überaus angetan.

Wer behält die Oberhand? Schwer zu sagen, zumal die Erfahrung lehrt, daß die Grünen Klärungsprozesse verschleppen und sich dagegen wehren, sich von einer Fraktion dominieren zu lassen.

Einen Anhaltspunkt, wohin die Reise geht, könnte das rot-grüne Hessen-Bündnis geben. An dessen Anfang stand die nackte Existenzangst: Nach der Märzwahl 1983 war die Zukunft für die junge Partei ungewiß; die Kampfthemen Startbahn West, Brokdorf, Nachrüstung erledigten sich unnachgiebig wie von selber; die "neuen sozialen Bewegungen" liefen auseinander. Das Experiment bot sich an, die SPD-Minderheitsregierung von Holger Börner in Hessen zu dulden.

Die Grünen entwarfen ein mäßvolles Bild von sich selber: liberal, so weit es die Ausländerpolitik betraf; links, das heißt Amnestie für Startbahnkämpfer und keine neuen Gefängnisse; eine Partei mit Zugang zu den Minderheiten, von Frauen über alternative Lehrlinge bis zum Ökobauern. Als Bindeglied fungiert die Ökologie. Alles in allem ein Reformismus, mit dem Holger Börner leben kann.

Die hessischen Landtagsgrünen sind fasziniert von ihren Erfahrungen. Sie haben Zugang zum Herrschaftswissen, sie verstehen mehr und mehr, wie die Wirklichkeit funktioniert. Umgekehrt zieht sie die normative Kraft des Faktischen stärker ins Geschäft, als sie zugeben wollen. Weil sie Wirkung erzielen, sind sie auch verliebt ins Gelingen.

Gewachsenes Selbstbewußtsein

Von Zeit zu Zeit halten die Grünen inne, um zu schauen, ob das Experiment recht ist. Es ist nicht recht, befand die vorerst letzte Rundumbetrachtung. Grund: die anstehende Entscheidung der Landesregierung über die "Hanauer Nuklearbetriebe". Die sind den Grünen ein Dorn im Auge, weil sie Brennelemente für fast alle Atommeiler des Landes liefern. Aus dem Hanauer Plutonium, so behaupten die Grünen, ließen sich hier oder anderswo genauso gut Atomwaffen bauen. Wiesbaden liegen nun zwei Anträge aus Hanau vor, noch mehr Plutonium lagern zu dürfen. Das wollen die Grünen mit allen Mitteln verhindern. Die SPD sieht dazu gar keine rechtliche Handhabe. Hanau ist der Knackpunkt für das rot-grüne Bündnis, sagen die Grünen entschieden.