Der saure Regen zerfrißt auch die Kulturdenkmäler

Von Manfred E. Schuchmann

Das westfälische Münsterland ist ein schönes Land – flach, doch leicht gewellt, mit dunklen, satten Äckern, Waldstücken dazwischen, auf den Weiden steht schwarzes und buntes Vieh, gelbe Rapskarrees leuchten hinter Heckenzügen, am Ende stattlicher Alleen rote Ziegeldächer im Schutze mächtiger Bäume. Aus den Wiesen steigt der Nebel jetzt im Herbst. Das ist keine Agrarsteppe, wie sie die Flurbereinigung uns allenthalben kahlgeschlagen hat, das ist noch Landschaft mit Gesicht.

Die Münsterländer Bauern sind wohlhabend und gut katholisch von alters her – und deswegen stellten sie sich steinerne Bildstöcke vor ihre Höfe und an die Wege und Kreuzungen zum Zeichen ihres-gelebten Glaubens. Die Landstriche der Bistümer Münster und Paderborn und des Erzbistums Köln zählen noch rund 10 000 dieser Betsäulen und Votivhäuschen; sie gehören zu diesen geschichtsträchtigen Kulturlandschaften nicht weniger als Kathedralen und Bürgerhäuser, Residenzen und Wasserschlösser, Altstadtquartiere und Bauerndörfer. Sie alle stehen im sauren Regen.

Denn aus den hohen Schloten von Kraftwerken und Industrieanlagen, fernab der ländlichen Idylle, steigt der Schwefel, und Wind und Wetter tragen ihn weithin. Er legt nicht nur die Wälder flach, übersäuert Böden und Gewässer, er zerfrißt auch rücksichtslos die Kulturdenkmäler im Land (und, ganz egalitär, Stahlbetonbrücken und Wohnblocks, die gestern erst eingeweiht wurden). Hier überrollt uns eine Katastrophe von gleichen Dimensionen wie die in Wald und Flur.

Verloren für immer

Von den Bildstöcken des Münsterlands stürzen die Himmelfahrten, rieseln die heiligen Antonius und Johann Nepomuk als Sand zu Boden – die Werke verlöschen, verloren für immer. Das Phänomen ist seit langem bekannt. Seit mit der fortschreitenden Industrialisierung im vorigen Jahrhundert verstärkt fossile Brennstoffe verfeuert wurden, schritt die Zerstörung der alten Steine an Gebäuden und Skulpturen immer rasanter voran. In Bamberg holte man 1903 die wundervollen Figuren der Ecclesia und der Synagoge vom Fürstenportal des Domes ins Kircheninnere, während die benachbarten Apostel an dem Ort blieben, für den sie einst geschaffen wurden (und wo sie als Teil eines theologischen und künstlerischen Gesamtkonzepts allein auch Sinn haben). Heute zeigen sie kaum mehr reparable Schädigungen. Man müßte überall die Portale und Fassaden leerräumen oder mit Kopien bestücken, wenn man die gotische Kathedralplastik retten wollte. Aber wohin wollte man mit der Bauornamentik, dem Bauwerk selbst? Daß der Kölner Dom alljährlich über fünf Millionen Mark für seine "Runderneuerung" verschlingt, ist. weithin bekannt und beinahe zur Selbstverständlichkeit geworfen, über die keiner mehr erschrickt; Dabei läßt sich ausrechnen, wann man endlich mit einer Totalkopie wird leben müssen, an der – außer der Erscheinungsform – fast nichts mehr mit dem Bau des Mittelalters und des 19. Jahrhunderts zu tun hat.