Nächste Woche muß der Kanzler vor den Untersuchungsausschuß

Von Gunther Hofmann

Bonn, im Oktober 1984

Besorgt und nervös haben die Kanzler-Berater auch am vorigen Sonntag wieder in den Voraus-Exemplaren des Spiegel geblättert. Steht etwas Enthüllendes drin über den Chef? Na ja, es hält sich in Grenzen, scheinen sie sich gesagt zu haben. Dann bis zum nächsten Sonntag.

So geht das nun Woche für Woche, manchmal Tag für Tag – ein Wechselbad der Informationen und der Gefühle. Man kann schon verstehen, wenn sich langsam die Überzeugung in den Köpfen der Betroffenen einnistet, sie würden Opfer einer Kampagne.

Bei Helmut Kohl fließt die kühle Absicht, den Spieß umzudrehen und sich zu wehren, und der Glaube, es werde wirklich eine sinistre Verschwörung gegen ihn geplant, auf ununterscheidbare Weise zusammen. Der Kanzler im Brustton bitterster Überzeugung: „Es ist eine Illusion zu glauben, daß die, die gegen Rainer Barzel aufstanden, das als Ziel hatten. Das Ziel ist der Sturz dieser Koalition, dieses Bundeskanzlers ...“

Alarmstufe eins also für die Koalition und für ihn, verkündet der Kanzler. Kanzlersturz? Er wartet nicht, bis andere das prophezeien. Mehr noch: Als ihn ein Reporter des ZDF vor den Türen des CDU/CSU-Fraktionssaals das Mikrophon unter die Nase hielt, kündigte Helmut Kohl – fast rot im Gesicht vor Zorn – die Offensive an; „Es wird ganz klar werden, wer hier die Verderber des Staates sind.“ Otto Schily zum Beispiel; mit ihm habe er „keine Gemeinsamkeit“.