Von Theo Sommer

"So soll er den lebendigen Bock herzubringen und bekennen auf ihn all ihre Übertretung in all ihren Sünden und soll sie dem Bock auf das Haupt legen und ihn in die Wüste laufen lassen, daß also der Bock all ihre Missetat auf sich in eine Wildnis trage." 3. Mose 16

Soll es, darf es in Bonn wirklich nach dem alten Moses gehen – einer wird als Sündenbock in die Wüste geschickt, und schon können sich alle anderen frei von jeglichem Tadel fühlen? Rainer Barzel hat gehen müssen, die Koalitionspartner dürfen sich nun als Opfer einer infamen Verleumdungskampagne selbstgerecht in die Brust werfen, bar sämtlicher "Missetat"? Es kann damit nicht sein Bewenden haben.

Schlimm genug, daß Barzel, wirklichkeitsfern und selbstverblendet, seinen Abgang von der politischen Bühne zu einem Trauerspiel der Schwäche und Uneinsichtigkeit werden ließ. Der politische und psychische Druck gegen ihn sei unerträglich geworden, klagte er – als sei dieser Druck nicht die natürliche und notwendige Reaktion auf sein eigenes Verhalten gewesen. Es wäre dem Politiker Barzel ein würdigeres Ende seiner Karriere zu wünschen gewesen. Er hat als Vorsitzender der Unionsfraktionen in der Großen Koalition eine zugleich stabilisierende und antreibende Funktion gehabt; er hat sich als Oppositionsführer aufopferungsvoll darum bemüht, daß die Ostverträge, die er in ihren Entstehungsstadien bitter bekämpft hatte, im Bundestag dann doch nicht scheiterten und er hat der Grundsatzorientierung seiner Partei über die Jahre mancherlei Impulse gegeben. Barzels Wesen war nicht jedermanns Sache, noch die salbadrige Stakkato-Larmoyanz seiner Schriften. Barzels Wirken verdient jedoch nicht jene nachträgliche Totalverfinsterung, zu der sein klägliches Ende (samt dem publizistischen Steinewerfen des Abgetretenen auf den Untersuchungsausschuß des Bundestages) die Zeitgenossen begreiflicherweise verleitet.

Schlimmer ist, daß auch dem Bundeskanzler nichts Besseres einfällt, als nach dem Sündenbock-Rezept zu handeln und im übrigen den Spieß umzudrehen: Haust du meine Unternehmer, hau ich deine Gewerkschaften. Wieder einmal hat Helmut Kohl die Gelegenheit verpaßt, sich auf die Höhe des Augenblicks zu schwingen. Tagelang war öffentlich nichts von ihm zu hören. Als er dann – nach Barzels Rücktritt – endlich vor die Fernsehkameras trat, da bot er nur banale Zerstreutheiten ("Ich bin jetzt seit meiner Schülerzeit politisch aktiv. Und ich kann Ihnen nur sagen: Was soll hier in der Politik eben käuflich betrieben worden sein?"), halbe Wahrheiten ("Rainer Barzel ist aus eigenen Stücken zurückgetreten") und verschleiernde Unredlichkeiten ("Es gibt das Großziel in dieser Kampagne, die jetzige Koalition – FDP, CDU und CSU – zu diffamieren").

Hat der Kanzler nichts von alledem zur Kenntnis genommen, was in den letzten Wochen allenthalben über die Korruptionsaffären in der kurzen Geschichte der Bundesrepublik zu lesen war? Hätte er nicht, wäre Barzel bockig geblieben, auf dessen Rücktritt bestehen müssen? Kann er sich gar nicht vorstellen, daß viele hierzulande sich Sorgen um den Zustand der res publica machen und dieser Sorge Ausdruck verleihen – nicht um der Regierung am Zeuge zu flicken, sondern um der Integrität des Gemeinwesens willen?

Moralische Wende? Geistige Führung? Wenn’s nicht zum Weinen wäre, man müßte lachen. Wieder einmal hat der Kanzler das Volk allein gelassen: ein verbissener parteipolitischer Grabenkampfer, kein Staatsmann, der Höhen erklimmt und Horizonte absteckt.