Heilige Kritik an den Globetrottern von heute würzte den Abschiedsartikel von Ludmilla Tüting, der jüngst in der Mitgliederzeitung der Deutschen Zentrale für Globetrotter (DZG) veröffentlicht wurde. Die "Mutter" der "DZG" war just zum zehnjährigen Jubiläum aus dem Vorstand der Zentrale ausgeschieden.

Unter den Alternativ-Reisenden gilt sie als die Inkarnation der Globetrotter-Philosophie, wie sie in den Siebzigern von einer, wie es ihr Nachfolger formulierte, "exklusiven Gruppe" verfochten wurde. Ludmilla Tüting, Wahlberlinerin wie Wahlnepalesin, möchte die Globetrotter der ersten Stunde freilich weniger mit dem Exklusivitäts-Etikett als mit Ideologie verknüpft sehen: "Wir sind weniger konsumorientiert gereist, als das heute bei den sogenannten Alternativen der Fall ist."

In ihren "Anmerkungen zur Wende" (Titel des Abschiedsartikels) zog sie gegen "Sonntags-, Urlaubs- und Instant-Globetrotter" zu Feld, welche "viel sehen, nix verstehen", halbnackte Freizügigkeit in fremden Kulturkreisen "okay" finden oder "komplett braun und total gestylt" auf Trotter-Experte machen.

Die Wende, wie die ehemalige DZG-Chefin den kleinen Machtwechsel nannte, traf die inzwischen auf insgesamt 1200 Mitglieder angeschwollene DZG-Gemeinde wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eigentlich wollte man das zehnjährige Bestehen feiern, doch während der zehnten ordentlichen Mitgliederversammlung am Feten-Ort Halver-Voswinckel im Bergischen Land geriet man sich in die Wolle. Mit zwei Stimmen Unterschied unterlag Ludmilla Tüting schließlich bei der Wahl zum Vorstand erstmals dem zweiten Kandidaten.

Tüting, die im nachhinein über die "Kaninchenzüchtermentalität" schimpfte, mokierte sich vor allem über die rhetorische "Hinrichtung" des Kassenwarts, der sich den Vorwurf der Veruntreuung wegen eines Mankobetrages von 33,10 Mark anhören mußte. Sie sah unter den versammelten 137 Mitgliedern nicht mehr die "offenen Gesichter, die anderen mit warmen Blicken die Seele wärmten", sondern "viele verschlossene, kalte, unfreundliche". Sie beklagte die Selbstgerechtigkeit von Mitgliedern, die "dicke Autos auf der Wiese" parkten und "bis zum letzten Atemzug" versichert seien, und räumte sogleich ihren Platz, "dankbar für die Entscheidungshilfe".

Die Zeiten haben sich geändert, Ludmilla Tüting, Jahrgang 1946 und damit der Apo-Generation zugehörig, anscheinend nicht. Voswinckel war nur der Auslöser, die Ursachen für die Abkehr der Mutter von ihrem Kind dürften die sein: Das Kind ist selbständig geworden. Zweifellos hat das Alternativ-Reisen seinen Platz auf dem Touristikmarkt gefunden: Aus dem Grüppchen wurde ein Heer, aus dem vielfach als Außenseiter belächelten oder auch angefeindeten Rucksackreisenden wurde ein "normaler Tourist" (so Tüting-Nachfolger Peter Meyer).

Trotz des unversöhnlichen Abschiedsartikels ist man sich jedoch offenbar nicht gram. Fast sieht es so aus, als atmeten alle auf. Die Ex-Chefin: "Ein Klotz ist weg." Peter Meyer, der in seiner neuen Aufgabe als Vorstand eine "ideale Ergänzung" zu seiner Tätigkeit als Verleger von alternativen Reiseführern sieht: "Zehn Jahre waren genug, aber wir machen im Geist der alten DZG dennoch weiter."