Von Benedikt Erenz

Auf den ersten Blick ist da nichts zu sehen. Eine Frühlingswiese, ein Winterwald. Erst wenn man die Zeitung ein wenig bewegt, nach links dreht, nach rechts, auf den Kopf stellt, hat man es plötzlich: Vier Zweige, richtig zusammengesehen, ergeben die Silhouette eines Jägers, in der Lücke zwischen zwei Eiszapfen das Profil einer Hexe.

Auf den ersten Blick ist da nichts zu finden. Der unsägliche Klappentext zu Walter Kempowskis neuem Buch "Herzlich willkommen" läßt nur das Schlimmste befürchten: "Mit unnachahmlichem Humor ... die allen Kempowski-Lesern vertraute Mutter Grethe ... ungewohnt sorgloses Studentenleben ... skurril ... lebensecht ... wächst wieder zusammen ... findet endlich die Frau, die ihn versteht." Wer hier noch weiterliest, will der Verlag wohl sagen, hat selber schuld.

Das ist so ein Buch, will der Verlag wohl sagen, das man noch rasch vorher in der Klinikbuchhandlung kauft, bevor man gute Besserung wünschen geht. "Humorvoll", "skurril", "lebensecht", so ein Buch für nervenschwache Rekonvaleszenten, das Buch zum Teestündchen, zur goldenen Uhr nach fünfundvierzigjähriger Betriebszugehörigkeit: eine kleine Landschaft, hübsch gerahmt, ein biederes Genrebildchen, betulich, bläßlich-witzig, Salzstangenhumor, ein Büchlein zum – wie heißt das schaudervolle Wort?: Schmunzeln.

Doch Vorsicht! Vorsicht bei Kempowski! Auf dieses nette stille Frühlingswiese-Winterwald-Pastellchen, das der Klappentext da pinselt, auf diese Art, Kempowskis Romane zu lesen, ist schon mancher – auch Rezensent – hereingefallen. Sicher, das ist das Ungeheuerliche an diesen Büchern, kann man sie auch so lesen: als Vergegenwärtigung heiter besonnter Vergangenheit, mit einem Lächeln im Knopfloch, Dichtung und Wahrheit – und wie all diese schönen Lebenslügenkompendien noch heißen mögen.

Viele werden "Schöne Aussicht", "Tadelloser & Wolff" und "Uns geht’s ja noch Gold" so gelesen haben, dem Autor höchste Auflagen bescherend – und wenig verstanden haben.

Kempowskis Romane entwerfen Vexierbilder mit merkwürdigen Lücken, Abgründen, Sprüngen, versteckt in neckischen kleinen Epispden, immer wieder unterbrochen von bösen Aussparungen, grausamen Sarkasmen, in scheinbar heiter, ja: "humorvoll, skurril, lebensecht" erzählten Geschichten und Geschichtchen. Diese Romane sind auf eine furchtbare Art idyllisch, ihre Fröhlichkeit ist Sarkasmus, ihr Humor Bitterkeit, ihr munteres Geplauder Tonbandprotokoll jener banalen Bösartigkeit, die diesem Jahrhundert ihre Tätowierung einbrannte.