In Bremen beginnt der Gesamtschul-Schlußverkauf. Unter der Parole "Konsolidierung der Gesamtschulen" werden die Ladenhüter – Chancengleichheit, Förderung benachteiligter Kinder, soziales Lernen und Integration statt Aufgliederung nach dem alten Dreiklassenschema – zum Schleuderpreis feilgeboten. "Eliteellenbogenbetont" ist die Linie, die künftig auch in sozialdemokratischen Bundesländern en vogue ist. Verkaufsleiter: der Bremer Bildungssenator Horst Werner Franke, Pragmatiker und geschickter Macher. Bilanz seiner Behörde nach knapp 15 Jahren Bremer Gesamtschulgeschichte: gute Ergebnisse bei der Förderung des sozialen Lernens und der Kinder aus benachteiligten Familien. Die Spitzenschüler habe die Gesamtschule dagegen vergessen.

In Bremen soll künftig nach A-, B- und C-Kursen differenziert werden, der Lehrplan der dreigliedrigen Schule soll verbindlich sein. Statt ausführlicher Beurteilungen werden die Kinder wieder die Noten von eins bis sechs unter ihren Arbeiten finden. Unterrichts- und Freizeitbereich am Nachmittag werden deutlicher getrennt. Mindestens zehn Sozialpädagogen müssen mit ihrer Versetzung rechnen. Lehrer sollen ihre Aufgabe übernehmen, um auf diesem Weg fünf Millionen Mark einzusparen. Für die anderen Maßnahmen, mit denen die Integrationsidee zu Grabe getragen wird, gibt es nicht mal Sparzwang-Argumente.

Da blicke noch einer durch: Erst wurden in Bremen in diesem Frühjahr einige Gymnasien geschlossen. Das paßte noch irgendwie ins Bild: Schließlich waren die Bremer Ende der sechziger Jahre beim Ruf nach Abschaffung der dreigliedrigen Schule ganz vorn und richteten Schulzentren und Gesamtschulen ein mit dem Ziel, die integrierte Gesamtschule Ende der achtziger in der Hansestadt zur Regelschule zu entwickeln. In der Gesamtschule sahen sie alle Elemente der demokratischen Schule der Zukunft verwirklicht. Sie schufen eine einheitliche Lehrerausbildung ohne den alten Studienrat und schrieben in ihr Schulgesetz, daß das bremische Schulwesen schrittweise zu einem integrierten Gesamtsystem zu entwickeln sei. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann das Gesetz wieder geändert wird. Die Gesamtschule sei keine Insel der Glückseligkeit, betonte Horst Werner Franke, sie müsse nunmehr den anderen Schulsystemen angepaßt werden.

Kritik muß erlaubt sein: Viele Gesamtschulen sind ein getreues Abbild des technokratischen Verständnisses von Chancengleichheit und Fortschritt der sechziger Jahre. Ziel: mehr Abiturienten. Input: Geld. Output: Bildung. Gilt das Ziel nicht mehr, entfällt der Rest.

Die rückläufigen Schüleranmeldungen an vielen Gesamtschulen zeigen, daß der Eliteruf und die Jugendarbeitslosigkeit viele Eltern verunsichern. Aber: Besonders viele Kinder aus benachteiligten Familien haben an den Gesamtschulen ihr Abitur geschafft. Untersuchungen zufolge sind die Kinder dort zufriedener und haben weniger Angst. Soziale Schwierigkeiten, die meist daher rührten, daß man die Gesamtschulen bewußt in Problemgebieten errichtet hatte, werden jetzt nicht den Verhältnissen in den Trabantenstädten, sondern der Schulform angelastet.

Besonders zynisch zeigt sich der Bremer Senator, wenn er für die ganze Misere die Lehrer schuldig spricht, die sich 15 Jahre lang pädagogisch engagiert haben. Über sie sagt der Bremer Senator, sie hätten soviel Selbstbewußtsein entwickelt, daß eine Zusammenarbeit mit der Behörde gar nicht mehr möglich sei.

Woher der Wind weht, merkt man spätestens, wenn er in seiner Argumehtationshilfe für die Genossen vor Ort das trennt, das noch beim schlichtesten Verständnis von humaner Erziehung zusammengehört: soziales Lernen und schulische Leistung. Die Lehrerverbände täten jetzt gut daran, unter Besitzstandswahrung auch das zu verstehen, was noch von den Bildungsidealen übrig ist: Das Ziel von einem jungen Menschen, der angstfrei lernt und neugierig ist, der nicht zuvörderst seinen Nachbarn zu übertrumpfen sucht, der kreativ denken und handeln kann und auch mal Widerspruchsgeist entwickelt, der tolerant mit seinen Mitmenschen ist, egal, wo sie herkommen. Das war’s ja, was die Gesamtschule fördern wollte und auch gefördert hat. Andernfalls erweist sich mal wieder, daß diese Lernziele je nach Konjunktur Kassenschlager oder Ladenhüter im Schulgeschäft sind.

Ulrike Petzold