Eine absolute Novität, jene vor der Orchesterfassung gefertigte und auch ein Jahr früher (1913) uraufgeführte Fassung eines Jahrhundertwerkes – im Schallplattenmedium nun eine Weltpremiere. Vieles mag man im Klangraffinement, in der atemraubenden Motorik und Rhythmik, kaum weniger in der Urgewalt der Kraftentladung, insbesondere aber hinsichtlich der größeren Transparenz und atmosphärischen Dichte aufs neue entdecken. Und das seit zwei Jahrzehnten in der Bundesrepublik lebende und in aller Welt konzertierende deutschtürkische Zwillings-Duo macht diese Trouvaille zum fesselndsten Dokument seiner exorbitanten Virtuosität auf dem Klavier. In der Nachfolge des legendären Brüder-Duos Alfons und Aloys Kontarski haben die kessen jungen Damen nunmehr eine Position bezogen, gegen die es jede Konkurrenz schwer hätte. Ihre blendende Virtuosität, auch beispielhaft in den zuvor herausgebrachten Rachmaninow-Suiten (DG 2531 345), scheint unübertrefflich.

In keinem Vergleich zu ihnen, was den Alleinanspruch der Klassik betrifft: das Klavier-Duo Katia und Mariella Labeque aus Frankreich. Gleichaltrig mit den Pekinels (1951/53) etwa, geht es den beiden Französinnen bewußt um stilistische Grenzüberschreitungen. Zwischen Brahms und Ragtimes oder von Liszt zum Jazz leugnen sie jedes Qualitätsgefälle. Vor allem die ältere Katia Labeque bewältigt das eine wie das andere bravourös ("Ich könnte niemals mein Leben lang immer nur klassische Musik spielen, so schön sie ist"). Und zeitgenössische Musik (Messiaen, Boulez, Ligeti, Berio) hat in ihrem Repertoire einen ziemlich festen Platz. Eine brillante Ergänzung zur vorigen Schallplatte ist daher diese:

Igor Strawinsky: "Petruschka"/"Konzert für 2 Klaviere"; Katia & Mariella Labeque; Philips 410 301-1.

Die Spannung, vor allem in der von Victor Babin bearbeiteten, also nicht originalen "Petruschka"-Musik, reißt den Hörer unmittelbar mit. Wer mehr davon wünscht, der erfahre ein paar weitere Tips: George Gershwin: "Rhapsody in Blue", "Klavierkonzert F-Dur" (Philips 9500 917); Johannes Brahms: "Ungarische Tänze" (Philips 6514 107); bei der neuen Exklusivfirma ist dagegen zu haben: "Gladrags", Ragtime-Musik von Scott Joplin, Gershwin und anderen (EMI 1 C 065-43461); "Liszt-Recital" (EMI 1 C 067 14–3645–1); George Gershwin: "Ein Amerikaner in Paris" (Schallplattenpremiere der Originalversion für zwei Klaviere (EMI 7 47044 2); und schließlich Saint-Saens: "Karneval der Tiere" und Prokofieff: "Peter und der Wolf" (mit André Heller), EMI 1 C 067 27 0039.

Talente auf den Weg des Erfolges bringen: das möchte die Freiburger Firma Harmonia mundi (über EMI-Electrola vertrieben) mit ihrer neuen Reihe "Primavera" in die Tat umsetzen. Danach sollen mit den jeweiligen Gewinnern des "Deutschen Musikwettbewerbs" dessen Glanzleistungen dokumentiert und publik gemacht werden. Von den vorgesehenen "Primavera"-Editionen sind bereits im Handel: Grüneburg-Trio (Brahms, Ives) DMR 2007 D; Trio Fontenay (Henze, Martin, Mendelssohn) HM 669 D; Michael Faust, Flöte/Alexander Lonquich, Klavier (Bach, Schubert, Messiaen, Berio) DMR 2008 D; es folgen: Camerata Köln (Telemann), Abbegg-Trio (Brahms, Killmayer) und das Bundesjugendorchester (Kodaly, Britten, Bach).

Eine mäzenatische Initiative des Deutschen Musikrats, die jungen Künstlern ein neues Forumöffnet. Optimistisch und selbstbewußt tritt mit ihnen eine neue, um 1960 geborene Generation von Kammermusikern auf den Plan, manuell wie konstitutionell optimal disponiert. Und man staunt, wie sicher und souverän sie sich in der Sache fortbewegt: kompetent selbst bei dem aberwitzigen, den essentiellen Bestand der Neuen Musik bis heute fast vollständig vorwegnehmenden Trio von Charles Ives (1904); auch bei Hans Werner Henzes "Kammersonate", einer hochartifiziellen Nachhut der neuen Wiener Schule (1948); ebenso bei den kaum weniger verzwickten Stücken von Olivier Messiaen, Frank Martin und Luciano Berio. Schubert, Brahms und Mendelssohn dagegen spielen die couragierten jungen Leute mit Bravour und Selbstverständlichkeit. Allein die Aufnahmetechnik trifft die Schuld, daß etwa im Mendelssohn-Trio das Klavier die Mitspieler fast erdrückt – was nichts gegen die pianistische Brillanz Wolf Hardens, indes einiges über das zwangsläufig involvierte Ausdrucksvermögen von Violine und Cello (Michael Mücke, Niklas Schmidt) andeutet.

Für Genies ist die Zeit nicht reif. Oder sind wir etwa schon über etwas so Altmodisches hinweg?