Mit seinen frechen Assemblagen, gemalten Bademänteln, Krawatten und farbigen Herzen schlug man Jim Dine den Pop-Artisten zu. Doch Mitte der siebziger Jahre hat er das reale Objekt aus dem Bild-Zusammenhang schon wieder entlassen, begegnet der Zeichner einem so traditionsverwurzelten Sujet wie dem Akt. Und sein Bademantel – textile Variante eines Selbstporträts – erscheint in einem neuen Licht: "Vier Bademäntel, die in diesem Jammertal ihr Dasein fristen". Was den Eindruck einer fast kompletten Wende macht, hat seine Folgerichtigkeit. Denn (so erklärt David Shapiro): Eine Pop-Art-Periode hat es bei Dine "in einem gewissen Sinne" nie gegeben. Die glatte Oberfläche des industriellen Serienproduktes war für ihn eine Herausforderung, nicht der Inhalt seiner Arbeit. Die triviale Pop-Ikonographie gab ihm den Anlaß zur ironischen Volte und zu eigenwilligen koloristischen Handlungen.

Schon in den Anfängen des Werkes erkennt Shapiro eine kritische Sensibilität, jene "schreckensvolle Reaktion auf ein Zeitalter, das ... den Menschen zerstört oder verdinglicht hat". – "Ich male, wer ich bin", sagt Dine. Aber auch: "Mich interessiert nur, über Malen zu malen." Im Bild löst sich der scheinbare Widerspruch mühelos auf. Ein virtuos gezeichnetes Werkzeug hat eine "Psyche" – dem expressiven weiblichen Akt fügt der Titel eine formalistische Perspektive bei: "Wenn man reine Pastellfarben nimmt."

Nachdem Shapiro Dine nun aus der Phalanx der Warhol, Lichtenstein und Rosenquist herausgebrochen hat, in die er wirklich nicht gehört, widersteht er leider der Versuchung nicht, ihn auf den Olymp zu helfen, wo ihn ein Gewölk bedeutender Namen umgibt. Da soll er, "wie Jules Laforgue die Hochkunst am Leben erhalten"; in der "Tradition Rembrandtscher Selbsterforschung" ... Seine "Rückkehr zur Figuration" gleicht "der Rückkehr zu den Dingen in Edmund Husserls Phänomenologie". Volker Bauermeister

David Shapiro: "Jim Dine – Malen, was man ist"; Klett-Cotta, Stuttgart, 1984; 222 S., 207 Abb.; 198,– DM.