Hannover

Er ist seit neun Jahren mit einem Krankenpfleger fest liiert und lebt seit sechs Jahren sogar mit ihm im Gemeindehaus zusammen. Doch jetzt ist Hans-Jürgen Meyer, Pastor der Epiphanias-Gemeinde im Hannoveraner Stadtteil Sahlkamp vom niedersächsischen Landeskirchenamt beurlaubt worden, nachdem er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte.

Meyer hatte sich selbst "angezeigt", um seinen – ebenfalls homosexuellen – Amtskollegen Klaus Brinker zu unterstützen. Brinker war von September 1978 an in der hannoverschen Matthäuskirche als Hilfspfarrer tätig. Als er dort eine richtige Pfarrstelle antreten sollte, erklärte er, in Partnerschaft mit einem Freund zu leben. Das Landeskirchenamt beurlaubte ihn zunächst und entließ ihn drei Jahre später, weil eine "eheähnliche homophile Partnerschaft" mit den Aussagen der Bibel über "die als von Gott gewollt erkannte Gemeinschaft von Mann und Frau, die auf Nachkommenschaft angelegt ist", unvereinbar sei. Das Lebenszeugnis der Mitarbeiter dürfe "nicht in dauerndem und offenkundigem Widerspruch" zu den Worten der Schrift stehen, Homosexualität dürfe darüber hinaus keine "orientierende Wirkung" in der Landeskirche gewinnen.

Am 7. September dieses Jahres wurde Brinkers Fall vor dem Kirchengericht verhandelt. Sein Anwalt enthüllte vor den Richtern, es gebe "auch noch andere Fälle" homosexueller Pastoren. Meyers Name fiel (mit seinem Einverständnis).

Seitdem ist Meyers Epiphanias-Gemeinde in Aufruhr. Die Homosexualität des Pastors regt die aktiven Gemeindemitglieder allerdings weniger auf als das Bekenntnis dazu. Schließlich lebte Meyers Freund mit Genehmigung des Kichenvorstands im Gemeindehaus. "Wer nicht mit Blindheit geschlagen war, konnte es wissen", sagt Meyer über seine Homosexualität, die er auch früher schon nicht verschwiegen habe, wenn er gefragt worden sei, so etwa im Ehepaar-Kreis der Gemeinde.

"Ich finde meine Sexualität vor, die kann ich nicht mit dem Hemd wechseln", meint der 35jährige. In einigen Wochen wird er sich der Landeskirche erklären müssen; schon heute sagt er, daß er kein zölibatäres Leben führen werde. Falls es ihm möglich sei, weiter "in der mir sehr liebgewordenen Gemeinde zu arbeiten", will er aber über den Auszug seines Partners aus dem Gemeindehaus mit sich reden lassen. Ob so ein "Kompromiß" zustandekommt, ist sehr fraglich. "Es wird hier erst wieder Frieden einziehen, wenn Meyer die Gemeinde verläßt", glaubt der 69 Jahre alte ehemalige Pfarrer Wilhelm Gundert, der die Gemeinde im Kirchenkreistag vertritt.

"Wer sich im Gelöbnis auf das Evangelium festlegt, darf durch seine Lebensführung nicht zur Belastung für die Gemeinde werden", denkt die Kirchenvorsteherin Ruth Dreger. Ältere Menschen könnten Meyers Lebenswandel nicht tolerieren und würden sich von ihrer Kirche zurückziehen, will sie erfahren haben. Der Kirchenvorstand habe dem Pastor ja geraten, "sich zurückzuhalten", nun aber, da er selbst für den "großen Krach" gesorgt habe, müsse er auch die Konsequenzen tragen. Kirchenvorsteher Otto Kunze meint, die Homosexualität des Pastors sei mit den Gefühlen der in der Gemeinde lebenden Ost-Aussiedler nicht vereinbar. "Die haben in Rußland gegen den Atheismus gekämpft und treffen nun auf einen Mann mit einer solchen Veranlagung."