Manche Staaten sind unter dem Stern der Unsicherheit geboren. Dazu zählt auch Indien. Um die äußere Sicherheit ihres Landes ging es Indira Gandhi wie keinem Ministerpräsidenten vorher. Hier hatte sie Erfolg: Seit dem Sieg über das auseinanderbrechende Pakistan 1971 war Indien die Vormacht Südasiens.

Die Gefahr jedoch droht längst nicht mehr von außen, sondern von innen. Das Land der 800 Millionen, mit seinen vielerlei Kasten und Religionen, seinen riesigen Entfernungen und landschaftlichen Kontrasten, seinem Entwicklungsgefälle und seinen sozialen Ungerechtigkeiten, setzt der Wirksamkeit eines jeden Regimes Schranken. Daß Indien auseinanderbricht, ist nach dem gewaltsamen Tode Indira Gandhis und der Rache der Hindus an Tausenden von Sikhs die eigentliche Sorge.

Aber das Land wird auch diese Krise meistern – nicht, weil es sich auf diktatorische Macht, sondern weil es sich auf demokratische Übung abstützen kann. Nur die Demokratie hat Platz für die Vielfalt Indiens. Nur durch sie kann der von Rajiv Gandhi beschworene Traum "von einem Indien, in dem alle Inder, gleich welcher Religion, Sprache oder politischer Überzeugung wie in einer großen Familie zusammenleben", Zukunft haben.