Nach einem Generalstreik und blutigen Straßenschlachten zwischen Regimegegnern und der Polizei ist in Chile das gesamte Kabinett zurückgetreten. General Augusto Pinochet verhängte den Belagerungszustand.

Der Diktator entging eine Woche zuvor nur knapp einem Anschlag. Eine Bombe explodierte etwa 200 Meter von ihm entfernt, als er eine Messe in Santiago besuchen wollte. Pinochet hatte zu Beginn des Streiks angekündigt, er werde mit der Opposition nicht mehr über eine beschleunigte Demokratisierung sprechen. Wenige Tage später sagte sein Innenminister Sergio Onofre Jarpa, er könne nicht länger für eine politische Liberalisierung arbeiten, die lediglich Extremisten und Terroristen zugute komme, und erklärte seinen Rücktritt.

Jarpa, ein konservativer Politiker und einziger Zivilist in der Militärregierung, war vor einem Jahr von Pinochet berufen worden, um mit rechten und liberalen Oppositionsgruppen über Wahlen und die Zulassung von Parteien zu verhandeln. Damals hatte es so ausgesehen, als könne eine Protestbewegung die Militärdiktatur stürzen: Die Wirtschaftskrise hatte der Opposition Zulauf auch von jenen Gruppen des Mittelstandes verschafft, die bis dahin das Regime aus Angst vor der Linken unterstützt hatten.

Jarpas Verhandlungen mit Christdemokraten, Liberalen und Vertretern des gemäßigten Flügels der Sozialisten endeten bald in einer Sackgasse: Die Oppositionellen forderten den Rücktritt Pinochets und einen Zeitplan für Wahlen. Beides lehnte der General ab, der nach der Verfassung des Regimes bis 1989 Präsident bleibt.

Im September rief die Opposition zu neuen "Nationalen Protesttagen" auf, bei denen acht Menschen starben, unter ihnen ein französischer Priester. Im selben Monat stieg die Inflationsrate auf etwa 20 Prozent. Der für Chile wichtige Kupferpreis ist auf seinem historisch niedrigsten Stand, die Arbeitslosigkeit beträgt 26 Prozent.

Vor einer Woche riefen linke Oppositionsgruppen und Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Christdemokraten und Liberale unterstützen den Aufruf nicht; den Erfolg solcher Protestaktionen halten sie für zweifelhaft. Bei den Demonstrationen wurde nach offiziellen Angaben sieben Zivilisten getötet, etwa 50 verletzt und über 300 festgenommen. Acht Polizisten starben in der gleichen Woche.

Unterdessen trafen sich in Rom zwölf der 36 chilenischen Bischöfe mit rund 150 Exil-Chilenen, unter ihnen Führer der Kommunistischen Partei und Mitglieder der 1973 gestürzten Regierung Allende. In Washington erklärte ein Sprecher des Außenministeriums, die Regierung prüfe, inwieweit US-Interessen in Chile durch Gewalt und den Mangel an Fortschritten bei der vom Volk dringend gewünschten Rückkehr zur Demokratie berührt würden. Robert Birnbaum