Was tun, wenn psychisches Elend für ein Kind unerträglich wird – wenn die Eltern fehlen, der Vater verschwindet, der Alltag ohne Liebe bleibt, der Haß auf sich selber wächst und die Ausweglosigkeit überhand zu nehmen scheint?

Die Kinderliteratur antwortet darauf mit phantastischen Tagträumen, in denen märchenhaft Angst und Leid aufgearbeitet und bewältigt werden. Ob daraus kurzlebig quirlige Fluchtphantasien oder über das Erwachen hinaus taugliche Einsichten entstehen, entscheidet über die Qualität phantastischer Kinderliteratur. Phantastische Literatur beherrscht den Kinderbuchherbst 1984 mit auffällig vielen Wiederaufnahmen von Klassikern der letzten achtzig Jahre.

Den Erfinder des amerikanischen Märchens hat man L. F. Baum genannt, als er 1900 die Erlebnisse der einsamen kleinen Dorothy im Zauberland Oos niederschrieb –

Lyman Frank Baum: "Der Zauberer von Oos", aus dem Amerikanischen von Sybil Gräfin Schönfeldt, Zeichnungen von Janosch; Dressler Verlag, Hamburg; 189 S., 16,80 DM.

Das durch einen Wirbelsturm heimatlos gewordene Mädchen und seine Weggefährten (die nur vermeintlich dumme Vogelscheuche, der blecherne Holzfäller mit Sehnsucht nach einem fühlenden Herzen, der feig-mutige Löwe und der unfähige, aber hilfsbereite Zauberer Oos) sind in den USA – auch durch Musical, Spielfilm und Judy-Garland-Song Somewhere over the rainbow" – in der Tat so populär geworden wie bei uns Rotkäppchen, Schneewittchen und Hänsel und Gretel.

Mut und Tatkraft, liebevolle Kameradschaft gehören zur Botschaft des amerikanischen Märchens.

Wie beim Zauberer von Oos hat auch beim viktorianisch anmutenden Kindermädchen Mary Poppins der Medienverbund von Text, Musical und um fast vergessen lassen, daß es sich ursprünglich um eine Kinderbuchfigur handelt. Vor fünfzig Jahren erschien der erste Band voll mit seltsamen Erlebnissen im Haus der englischen Familie Banks am Kirschbaumweg. Jetzt liegt eine Sammlung von Episoden aus den ersten vier Bänden der Jahre 1934 bis 1952 vor –