Von Gerhard Spörl

Anzuzeigen sind zwei schmale Bändchen, von denen jedes für sich alleine kaum Seltenheitswert besitzt. Wer sie aber parallel liest, vermag sich ein bißchen vorzutasten beim Versuch, die Grünen so zu verstehen, wie sie wirklich sind und was sie wirklich antreibt:

Joschka Fischer: "Von Grüner Kraft und Herrlichkeit"; Rowohlt Verlag, Reinbek 1984; 165 S., 9,80 DM;

Antje Vollmer: "...und wehrt Euch täglich! Bonn – ein Grünes Tagebuch"; Verlagshaus Mohn, Gütersloh 1984; 94 S., 7,80 DM.

Gemeinsam ist diesen beiden Grünen, daß sie gleichermaßen Rechenschaft und Bekenntnis ablegen wollen. Dabei haben sie ganz verschiedene Orte, Milieus und Menschen im Sinne, wo sie Geborgenheit und Antriebskraft finden. Antje Vollmer (Jahrgang 1943) findet ihre Seelenheimat im Westfälischen, bei ihren Bauern und Bäuerinnen, deren Widerstandskraft gegen die Moderne und deren Nähe zum ursprünglichen Menschlichen sie bewundert. Ganz anders Joschka. Fischer (Jahrgang 1948). Den tragenden Lebensgrund gibt es für ihn nirgends als in Frankfurts Sponti-Szene zwischen Pflasterstrand und "Batschkapp".

Unverdorbener westfälischer Protestantismus hier, weltläufig-zynischer Metropolenprotest dort: Damit ist das weite Spektrum der Grünen fast idealtypisch eingefangen. Die Grünen – das sind, grob gesprochen, die Lumpensammler aller außerparlamentarischen Oppositionen seit dem Ende der Studentenbewegung. Bei ihnen haben sich die Neoromantiker der Jugendbewegung ebenso eingefunden wie Ex-Anarchisten, die vor noch nicht allzu langer Zeit über die Notwendigkeit gegrübelt haben, die Stadtguerilla aufzubauen.

Das Ferne ist sich auch nah. Der Sponti und die Naturfreundin begegnen einander im Kollektiven: Beide leiden an Deutschland. Antje Vollmer nimmt die Wunde wie so vieles einfach wahr und verschwendet keine weiteren Gedanken daran, was sie wohl verursacht hat: "Da ist sie wieder, diese bohrende schmerzliche Unzufriedenheit und Enttäuschung, die ich mit dem Gefühl verbinde, eine Deutsche zu sein." Aufgeregter zerrt Joschka Fischer an seinen Ketten: "Ich fühle mich bis auf den heutigen Tag nicht wohl in meiner Haut als deutscher Untertan – oder genauer: als Untertan und Deutscher." Für ihn, den Linken, der alle Lebensexperimente der letzten 15 Jahre an Leib und Seele nachvollzogen hat, bleiben Fragen, wenn der alte Internationalismus und Antiimperialismus sich klammheimlich zurückziehen auf das Leiden am Vaterland nach Heines Manier.