Die Finnen wollen die Atomkraftwerke in ihrem Land weiter ausbauen

Selbst dem Laien fällt sofort auf, daß die Turbinen für ihre Leistung ungewöhnlich groß sind. Sie stehen im finnischen Loviisa, etwa neunzig Kilometer östlich von Helsinki und wandeln den von einem Kernkraftwerk erzeugten Dampf in elektrische Energie um. Lieferant von Turbinen und Reaktor ist die sowjetische Atomenergoexport. Und da findet man dann auch das Vorurteil bestätigt, daß die Russen nur grobschlächtige Anlagen liefern können, denn auch die Reaktorgebäude sind für mitteleuropäische Verhältnisse überdimensioniert.

Anders Palmgren, Vorstandsmitglied der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft Imatran Voima Oy (IVO) stimmt jedoch keineswegs ein Klagelied, sondern ein Lob auf die Anlagen an. Er nennt sie eine "Goldgrube" und rühmt besonders die russische Turbinentechnologie. Daß die Turbinen ein wenig grobschlächtig aussehen, daß man für die beiden Reaktoren mit jeweils 440 Megawatt (Mw)-Leistung auch noch zwei Turbinen benötigt, das stört ihn nicht.

Bezahlt worden sind die beiden 1970 und 1971 bestellten Blöcke schließlich nicht nach Gewicht, sondern nach Leistung, und auch da haben die Finnen noch ein Geschäft gemacht. Palmgren beziffert den technischen Anteil der Russen am Kraftwerk Loviisa auf rund vierzig Prozent. Vom Gesamtpreis haben die Russen jedoch nur fünfundzwanzig Prozent kassiert. Überdies hat sie ihren Lieferanteil auch noch für zwanzig Jahre bei nur 2,5 Prozent Zins kreditiert.

Gekostet hat das komplette Kraftwerk drei Milliarden Finnmark, also rund 1,5 Milliarden Mark. Heute würde eine solche Anlage laut Palmgren etwa dreimal so teuer. Dennoch hätte man es nicht gebaut, "wenn wir gewußt hätten, was es letztlich kostet, und das wäre ein Fehler gewesen".

Wer nun glaubt, für wenig Geld könne man keine vorzügliche Anlage erwarten, der wird enttäuscht. Das Kernkraftwerk Loviisa zählt zu den zuverlässigsten der Welt und liegt von der zeitlichen Verfügbarkeit her in der Spitzengruppe. Mag sein, daß die Beteiligung westlicher Firmen wie Siemens und KWU für die Überwachungs- und Kontrolleinrichtungen sowie die hohe Eigenleistung von IVO dazu beigetragen haben – aber so ganz miserabel kann die russische Technik jedenfalls nicht sein.

Ein weiterer Vorteil des Geschäfts ist, daß die Sowjets der IVO alle Brennstoffprobleme abnehmen. Auch für die Entsorgung sind sie zuständig. Für die Lebensdauer des Kraftwerks liefern die Russen die Brennstäbe zu einem am Weltmarkt orientierten Preis. Sind sie abgebrannt, werden sie mit einem Eisenbahn-Spezialwagen in die Sowjetunion zurückgeschickt. Besser kann man das nicht haben. Zumal auch hier der Preis stimmt: Jussi Helske, der Chef von Loviisa, gibt ihn mit zwei Pfennig je Kilowattstunde an.