Ich denke überhaupt nicht daran – wenn ich schlechte Politik mache, kann ich keine gute Presse erwarten ich denke nicht an eine Journalistenschelte pauschal, aber – und das konnte man doch in den letzten drei Wochen an unglaublichen Beispielen erleben –, daß in einer Weise auch falsch gespielt wird, auch Meldungen umfunktioniert werden, das läßt sich ja nicht leugnen." Der Kanzler kritisiert Journalisten also nicht pauschal, aber spezifizierte Schelte muß doch schließlich erlaubt sein.

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In einer denkwürdigen Fernsehdiskussion zur "Halbzeit in Bonn" hat Helmut Kohl lauter Bestnoten verteilt: Seine Regierung ist demzufolge ungewöhnlich erfolgreich, macht eine "prima Politik", trifft Entscheidungen, die einen "ungeheuren Mut" erfordern, und hat zum Ergebnis eine Republik, die "ein blühendes Gemeinwesen im Reigen der Völker der Welt" ist. Dazu kein Kommentar. Nach der Logik des Satzes, wenn er schlechte Politik mache, könne er keine gute Presse erwarten, bleibt allerdings eine pauschale Schlußfolgerung: Eigentlich wäre eine prima Presse im Reigen der Medien des Landes nur selbstverständlich.

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Schauplatz dieser Debatte mit Helmut Kohl war eine Sendung der ARD, in der ihn Frau Professor Gertrud Höhler, Robert Leicht (Süddeutsche Zeitung) und Peter Schiwy (RIAS) befragten, während Rudolf Mühlfenzl (Bayerischer Rundfunk) die Sendung leitete. Das Vorspiel zu dieser Sendung wird ein bißchen in Nebel gehüllt, wie so vieles derzeit in Bonn. Jedenfalls: Irgendwo im Bayerischen Rundfunk muß spät die Idee geboren worden sein, den Chefredakteur des Spiegel, Erich Böhme, einzuladen. Böhme ist allerdings von Chefredakteur Wolf Feller auch bald wieder ausgeladen worden (und das war nicht die erste Ausladung im Zusammenhang mit dieser Sendung).

Der Kanzler, beteuern die Kanzlerhelfer, diskutiere natürlich mit jedem. Mit der Ausladung Böhmes habe er nichts zu tun. Kohl weiß von nichts: Mein Name ist Hase. Nehmen wir diese Kohl-Deuter – es gibt allerdings auch andere Auskünfte – einmal beim Wort. Dann bleibt nur, daß Feller selbst dem Kanzler in feinfühliger Vorwegnahme von dessen Empfindungen ein Treffen mit Böhme nicht zumuten wollte.

So klingt das durchaus bei Feller – und in dieser Hinsicht mag man ihm sogar glauben. Der Böhme-Vorschlag sei "spontan" gemacht und nach "reiflicher redaktioneller Überlegung" nicht mehr für geeignet gefunden worden. Schließlich, die ARD sei ja nicht der österreichische "Club 2". Der Studiogast solle kritischen Journalisten gegenübersitzen, "die mit Engagement in der Sache, aber ohne negative Emotionen und Polemik diskutieren". Also: Der Kanzler diskutiert mit jedem und zensiert niemanden. Aber wenn dieser verstockte Wolf Feller ihn einfach nicht läßt?