Von Jes Rau

Es war einmal ein Mann, der hieß Gene Amdahl. Der träumte davon, den allergrößten Computer der Welt zu bauen. Einen Supercomputer! "Wenn wir statt der üblichen Mikro-Chips große Silikonscheiben benutzen, erhöhen wir die Geschwindigkeit der Impulse und reduzieren die dabei entstehende Hitze", sagt Amdahl, und sein Sohn Carlton und sein getreuer Freund Clifford Madden nickten zustimmend mit dem Kopf. "Mit dieser revolutionären Technik können wir einen Computer bauen, der so leistungsfähig ist, daß wir mit ihm Big Blue besiegen können." Bei dem Gedanken an das "Monster von Armonk", wie der Computergigant IBM von Konkurrenten gelegentlich genannt wird, überfiel Carlton und Clifford die Angst. Aber Gene Amdahl beruhigte sie: "Ich weiß, wie man das Monster kleinkriegt." Die Drei reichten sich die Hände, gründeten die Trilogy Ltd. und machten sich an die Arbeit.

Die Nachricht von ihrem kühnen Plan verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Computerfreaks auf der ganzen Welt. Von allen Seiten kamen Angebote, sich an dem Kampf gegen das Monster zu beteiligen. Wagnis-Kapitalisten spendeten 85 Millionen Dollar. Kommanditisten steuerten weitere 55 Millionen bei, und Kampfgenossen wie die Elektronikfirmen Sperry, Digital Equipment und CJJ Honeywell Bull spendeten weitere 80 Millionen. Insgesamt war die Kriegskasse in Windeseile mit 276 Millionen Dollar gefällt. Jetzt war der Optimismus des Trios nicht mehr zu bändigen: "Bis 1984 haben wir den Supercomputer fertig", frohlockte Gene Amdahl, "und zwei Jahre später nehmen wir dem Monster Big Blue eine Milliarde Dollar an Futter weg ..."

Das Märchen von den Dreien, die auszogen, das Monster das Fürchten zu lehren, hat leider ein trauriges Ende genommen. Das Geld in der Kriegskasse ist zum größten Teil ausgegeben, ohne daß irgendwelche Resultate vorzuweisen wären: Super-Chip und Super-Computer bleiben ein Traum, die Herrschaft von Big Blue bleibt ungebrochen. Vor vier Monaten stellte Trilogy Ltd. die Entwicklungsarbeiten an dem Supercomputer ein, um sich auf das Design des Riesen-Chips zu konzentrieren. Und vor kurzem gab Trilogy bekannt, daß die Gesellschaft auch die Arbeiten an dem Riesen-Chip eingestellt hat.

Nur wenn Gene Amdahl neue Geldgeber findet, wird er einen Bankrott des Unternehmens noch abwenden können. Eine Pleite von Trilogy wäre der größte Reinfall in der Geschichte des "Silicon Valley", der Brutstätte der Computerindustrie in der Nähe von San Francisco: Selbst im Scheitern beweist Gene Amdahl allerdings noch seine Spitzenklasse. Seinen Ruf als genialer Computer-Architekt etablierte er als Mitschöpfer des IBM-Systems 360, dem erfolgreichen Computer-Jumbo des Konzerns. Er verließ IBM aus Zorn darüber, daß der Computergigant neue Technologien unterdrückte, um die Einnahmen aus seinen vermieteten Maschinen nicht zu gefährden. 1970 gründete er die Amdahl Corp. mit dem Ziel, einen billigeren, schnelleren und verläßlicheren großen Computer zu bauen.

Amdahl war aufgefallen, daß IBM die Preise für die verschiedenen Mitglieder seiner Computerfamilie entsprechend deren Leistung festlegte und nicht entsprechend der jeweiligen Produktionskosten. Der größte IBM-Computer ging über eine bestimmte Leistungsfähigkeit nicht hinaus, obwohl dies technisch gut möglich gewesen wäre. Um die bestehende Preisstruktur für die Computer-Familie aufrecht zu erhalten, hätte IBM jedoch einen solchen Großrechner maximaler Leistungsfähigkeit zu einem so hohen Preis anbieten müssen, daß der dafür in Frage kommende Markt zu klein gewesen wäre für eine gewinnbringende Produktion.

Amdahl entschied sich deshalb, eine IBM-kompatible Maschine zu bauen, die leistungsfähiger war als IBMs größter Computer, jedoch nicht teurer. Die Taktik die dahinter steht: "Wir wurden dadurch aus der Sicht der Kunden zu einem weiteren Mitglied der IBM 370-Familie", sagt Amdahl. "Um uns zu treffen, hätten sie ihre gesamte Preisstruktur aufgeben müssen. Es war so, als ob wir auf ihren Schultern säßen: Um uns unter Wasser zu drücken, hätten sie selbst untertauchen müssen."