Wiedereröffnung mit "Don Giovanni"

Von Heinz Josef Herbort

Es sei, meinte die Dame und fand damit in heimischer Mundart allseitig Zustimmung, es sei "alles wenigstens wieder frisch und sauber, und das ist doch auch schon etwas".

Da muß man schon einen exquisiten und sensiblen Anspruch besitzen, ein ökonomisch mehr als nur solide gepolstertes Bewußtsein, einen von keinen Existenzzweifeln geplagten Alltag und im übrigen ein sich des Wertes seiner Tradition wohl bewußtes Lebensmuster sowie ein gerüttelt Maß an Understatement dazu, will man auf diese schwäbische Formel bringen, was 43,2 zumeist Öffentliche-Hand-Millionen am Großen Haus der Stuttgarter "Alten Oper" im Verlauf von fünfzehn Monaten bewirkten. Von der Theaterleidenschaft ist dabei noch gar nicht die Rede.

Mit der Notwendigkeit einer "Renovierung" hatte es begonnen: die Heizung, die Sanitär- und Elektroinstallationen mußten erneuert, die Bühnentechnik auf einen sowohl den künstlerischen Notwendigkeiten wie den Auflagen des TÜV entsprechenden modernen Stand gebracht werden. Aber dann entwickelten diese Arbeiten eine Eigendynamik, wurde daraus eine "Restaurierung" – die möglichst genaue Rekonstruktion zumindest jener von Max Littmann (1862-1931) entworfenen inneren und äußeren Fassaden, die schon bei der Eröffnung im Jahre 1912 den Eindruck erweckten von "festlichem Prunk, ohne überladen oder gar protzig zu wirken" und von einem "Zuschauerraum des majestätischen Musenheims, der förmlich von feierlicher Herrlichkeit strotzt".

Feierlich oder frisch, festlich oder sauber – wieder freigelegt wurde ein Deckengemälde in der Kuppel, Sternzeichen in einer Allegorie, dazu eine mit Adlern symbolträchtig gezierte Laterne. Wieder aufgemacht wurden die Mythologie-Darstellungen des Architravs und die Stuckarbeiten an Wänden und Brüstungen samt der nun wieder geschwungen Rang-Balustrade, der kreuzbestandenen Krone und den Atlasfiguren an den einst für einen veritablen Regenten errichteten Königslogen. Wieder aufgetragen wurden das Silber an den Stukkaturen der Ränge und des Bühnenportals, das Gold an den von Verkleidungen befreiten Pfeilern, Trägern und Gurten. Wieder eingehängt sind die vierzehn Lüster eines "Lichtringes". Ein altes Aussehen mit modernen Materialien erhielten Böden und Wände der Wandelgänge und Foyers – der mit Wachsauflage überzogene Spachtelbelag soll dem alten "stucco lustro" nahekommen, und die "pompejanischen Malereien" wurden nach alten Photos und wiedergefundenen Resten neu gefertigt. Ohne Zweifel wieder sauber sind die Sandsteinfassade und die zehn Figuren auf deren Abschluß, vier Meter hohe Darstellungen der theatralischen Künste.

Festlich, frisch und sauber wirkt auch der moderne Pavillon, den der Kölner Architekt Gottfried Böhm samt gläsernem Wendeltreppenhäuschen im Innenhof an das Jahrhundertwende-Haus anbaute: ein Büfett-Rundturm mit Zugang zu den drei Rang-Ebenen, eine mit Glas und weißem Marmor, mit Bleidach und Lichtkuppel in bewußtem Kontrast zum Haupthaus gestellte, in ihrer blendenden Helligkeit weit mehr als Ränge oder Parkett dem "Sehen-und-Gesehen-Werden" dienende, mit zehn Metern Durchmesser schon wieder viel zu kleine, ganz offensichtlich auf small talk und say cheese-Attitüden angelegte, irgendwo in die Nähe zwischen Galerie und Eissalon gestylte, schicke, überflüssige Notwendigkeit.