Von Dietrich Strothmann

Amman, im November

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Kairo und Amman. Die pausenlos wie gehetzt, gejagt wirkende Millionenmetropole am Nil und die gemächlich dahinlebende, beinahe friedlich dahindämmernde Hauptstadt auf den sieben Bergen oberhalb des Jordan. Von Kairo nach Amman, ein Flug von knapp neunzig Minuten den Golf von Akaba hinauf, die Maschine bis auf den letzten Platz mit ägyptischen Gastarbeitern besetzt, von denen ein großer Teil weiter nach Bagdad fliegt, ist wie ein Ausflug aus Krach, Lärm und Hektik in eine stille, friedliche Oase. Amman ist, nach Kairo, wie Ferien, Erholung, Entspannung. Ein friedliches Paradies, ein Paradies des Friedens?

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"Hussein ist Jordanien wie Jordanien Hussein ist." Das ist stehende Redensart in Amman. Aber was nur, wenn dieser König, 49 Jahre alt, das nächste der rund zwei Dutzend Attentate, die bisher gegen ihn verübt wurden, nicht überleben sollte? Bricht dann in Jordanien mit der Monarchie alles auseinander, auch das restliche Jordanien, östlich des Jordan? Wenn sich Jordanier, ob alteingesessene Beduinen oder vor der israelischen Kriegswalze geflohene Palästinenser, überhaupt solche Fragen stellen, dann nicht öffentlich, nur im stillen Kämmerlein. Und sie werden, wie auch zu anderen, weniger lebenswichtigen Fragen, vermutlich keine präzise Antwort parat haben. Es kann, weil es drängendere aktuellere Probleme gibt, allerdings auch sein, daß sie sich das gar nicht erst fragen, es sich nicht zu fragen wagen: Was wird aus uns, aus unserem Land, wenn ...

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Ein paar Mal war es schon fast soweit: Als im Juni 1967 israelische Panzer durch die 1948 von Husseins Großvater Abdulla annektierte "Westbank" bis an den Jordan vorgestoßen waren und es nicht mehr weit bis Amman war. Wenn schon damals der israelische Verteidigungsminister Ariel Scharon gehießen hätte, der dann später bis Beirut durchmarschierte, wären wohl die Tage des Königs gezählt gewesen. Oder, als dann 1970 rund 70 000 bewaffnete Palästinenser Amman belagerten und Jassir Arafat seinem Gastgeber gerade noch 24 Stunden Zeit lassen wollte, seine Koffer zu packen. Wenn Hussein damals nicht seinen ganzen Mut zusammengenommen und sich der Loyalität seiner gedemütigten Armee vergewissert hätte, wäre er schnell am Ende gewesen. Oder als die syrische Armee die jordanische Grenze im Norden überschritt, als erst Nasser, dann Sadat ("dieser Zwerg") ihn fallen ließen, als ihm 1974 auf der Konferenz von Rabat die arabischen Brüder das Mandat, für die Palästinenser zu sprechen, entzogen, als ihn nacheinander Jimmy Carter und Ronald Reagan, auf die er gesetzt hatte als Friedensstifter, enttäuschten. Öfter als sonst üblich, selbst nach arabischer Lebensregel, stand Husseins Schicksal bedrohlich auf der Kippe. Aber er hat, schon mit 17 Jahren zum König gemacht, noch alle Krisen überstanden, alle Konflikte gemeistert. Er ist inzwischen der dienstälteste Herrscher in dieser Region, ein "Stehaufmännchen" und Überlebenskünstler wie Jassir Arafat. Auf ihn ist Verlaß, bisher.