Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

Ein wenig weht Hans Apel der Wind schon ins Gesicht, hier in Berlin, wo er als Spitzenkandidat der SPD zu den Abgeordnetenhauswahlen am 10. März antritt. Aber es ist nicht so sehr das Berliner Wahlvolk, das Apel irritiert, denn bei den Berlinern kommt seine direkte, offene, unkomplizierte Art gut an. Seine eigene Partei erweist sich als störrisch. Manche verwirrende Aussage des Neuberliners Apel – etwa zur Dauer seines Berlin-Engagements oder zur angeblich nicht mehr offenen deutschen Frage – konnte an der weitverbreiteten Sympathie für Apel wenig ändern. Denn noch wird ihm zugute gehalten, daß er sich mit den politischen Fallstricken der Stadt und der sensiblen Seele ihrer Bewohner ja erst vertraut machen mußte. Apel: "Ich habe viel gelernt. Aber viel zu lernen heißt nicht unbedingt schon alles zu wissen. Nach sieben Monaten Berlin wäre es vermessen zu behaupten, ich kennte auch alles praktisch."

Apels Genossen sehen darin eher einen Nachteil. Sie vermissen programmatische Aussagen zur Zukunft der Stadt. "Apel ist aus der Phase des Händeschüttelns noch nicht heraus. Nur weil die Leute ihn vom Fernsehen kennen, wählen sie ihn noch lange nicht. Damit, daß er hier Hans Albers spielt, ist diese komplizierte Stadt noch nicht aufzumischen", sagt ein prominenter Parteifreund.

Ganz so abgeschlagen, wie es die Umfragen zeigen, wähnt sich die SPD nicht. Die von Demoskopen errechneten 46 Prozent für die CDU, 35 Prozent für die SPD, 4 Prozent für die FDP und 14 Prozent für die Alternative Liste sind eine Momentaufnahme. Inzwischen gab es die Barzel-Affäre in Bonn, und es gibt das weitverbreitete Unbehagen über die Pannen und Schwächen der Bundesregierung. "Noch ist das Rennen nicht gelaufen", heißt es deshalb in der SPD, "das von Barzel ausgelöste .reinigende Gewitter’ hat auch in Berlin reingehagelt."

Nach der Sommerpause, die nach Apels Geschmack zu lange dauerte, sei die Partei jetzt voll da, versichert der Berliner Landesvorsitzende Peter Ulrich: "Das funktioniert jetzt; es gibt keine Klagen mehr." Die SPD habe ein deutschlandpolitisches Papier, ein Wirtschaftsprogramm und sozialpolitische Maßnahmen diskutiert. Am kommenden Wochenende will sie auf einem Landesparteitag ein umfangreiches Wahlprogramm verabschieden, dessen Schwerpunkte Deutschlandpolitik, Beschäftigungspolitik, Umweltschutz, Abwehr des "Sozialabbaus" und die Schaffung ausreichenden preiswerten Wohnraums sind.

Der Spitzenkandidat ist gleichwohl nicht zufrieden mit den Möglichkeiten einer Partei, die zum ersten Mal aus der Opposition heraus in Berlin Wahlkampf machen muß. "Über die Hilfestellung bei Vorwahlkampfeinsätzen kann ich keine Klagen mehr führen, das läuft vorzüglich. Aber die Vorbereitung der eigenen Wahlkampfeinsätze muß ich zum größten Teil selber machen. Die Abgeordnetenhausfraktion hat noch nicht einmal ein halbes Dutzend Assistenten. Da bin ich auch künftig angewiesen auf Bonner Unterstützung und mein eigenes Wissen."