Daß die SPD so geschlossen hinter Apel steht wie die CDU hinter dem Regierenden Bürgermeister Diepgen, wird niemand behaupten können. Da liegt Apels eigentliches Problem. Seit Jahrzehnten gehörte es zur Kunst von Berliner SPD-Vorsitzenden und Regierungschefs, die Flügel der Partei miteinander zu versöhnen, die Kräfteverhältnisse auszubalancieren und Unruheherde zu neutralisieren. Das erforderte neben viel Überzeugungskraft und Basisarbeit auch taktisches Geschick und gelegentlich sogar Selbstverleugnung. Apels Sache ist beides nicht. Er sagt unverblümt, was er denkt, daß der Nato-Doppelbeschluß richtig war, daß Berlin auf die Freundschaft mit den USA angewiesen ist, und daß eine Koalition oder eine Duldungsabsprache mit der Alternativen Liste (AL) für ihn nicht in Frage kommt.

Da denken linke Genossen anders, und sie lassen es ihren Spitzenmann deutlich spüren. In manchen SPD-Bezirksblättchen kommt Apel überhaupt nicht vor. Aber Apel fordert den Schulterschluß der ganzen Partei. "So kann man mit mir nicht umspringen", wetterte er, als die Kreisverbände Zehlendorf und Schöneberg sowie die Jungsozialisten gemeinsam mit der kommunistischen SEW und etwa hundert anderen Gruppen einen Aufruf zu einer Anti-Reagan-Demonstration am Vorabend der amerikanischen Wahlen unterschrieben, ohne Apel auch nur zu informieren. Für Apel ist das eine "Schweinerei" und ein Mangel an Solidarität. Er findet es schlimm, wenn SPD-Mitglieder an einer solchen Demonstration teilnehmen. Die linken Genossen fanden das nicht schlimm und gingen am vergangenen Montag mit einigen tausend anderen Demonstranten auf die Straße. "Stoppt Reagans Kriegskurs", rief die Menge, und zum ersten Mal seit über einem Jahr wurden von militanten Demonstrationsteilnehmern wieder Schaufenster eingeworfen und Bauwagen umgestürzt.

Der Riß in der Berliner SPD ist ein Stück größer geworden. Ein Sozialdemokrat aus dem linken Bezirk Zehlendorf meint: "Unter Stobbe waren die Fronten verwischt. Vogel hat da angeknüpft, und er hatte viel mehr professionelle Kompetenz als Apel. Die Rechte hatte praktisch keinen Führer mehr; auch Ulrich ist ja ein Mann der Mitte und des Ausgleichs. Jetzt erlebt die Parteirechte unter Apel eine Renaissance, die man nicht mehr für möglich gehalten hatte."

Das ist sicher etwas überzogen. Aber sicher ist, daß Apel, der mehr aus Pflicht denn aus Neigung nach Berlin kam, bei Teilen seiner Partei auf Vorbehalte und Aversionen stößt. Wie wird er mit diesem Handicap fertig? "Für mich gibt es keine Vorbehalte und Aversionen. Ich will hier die Wahlen gewinnen. Wenn Harry Ristock Spitzenkandidat geblieben wäre, hätte er auch nicht um das Thema AL herumreden können. Ich kann niemanden daran hindern, hier seine Vorurteile zu pflegen. Und was hier links und rechts ist, entzieht sich derzeit sowieso meiner Kenntnis. In der Mietenfrage, in der Frage der Renten, der Sozialpolitik, der Spekulation mit Boden und Wohnraum gibt es für mich Positionen, die dann eher links sind. Wichtig ist, daß wir jetzt gemeinsam Wahlkampf machen. Ich will in meiner Parteitagsrede klarmachen, daß der politische Gegner nicht innerhalb, sondern außerhalb der SPD steht. Aber einen Politiker, der konturenlos ist, kann man von mir nicht haben."

Am deutlichsten scheiden sich die Geister in der SPD am Verhältnis zur Alternativen Liste. Eine rot-grüne Koalition kann sich zwar kaum jemand in der Partei vorstellen. Aber ein Tolerierungs- oder Duldungsmodell gilt vielen nicht als von vornherein undenkbar. Und wenn bei den Wahlen die FDP unter die fünf Prozent rutscht, was durchaus denkbar ist, dann wird es Apel schwer haben, an seiner kompromißlosen Haltung zur AL festzuhalten.

Linke Sozialdemokraten kritisieren Apels Einstellung als phantasielos und taktisch ungeschickt. Sie meinen, man könne die AL zwar nicht aufsaugen, aber doch Teile von ihr integrieren, so wie die SPD 1968 die Apo-Generation integriert habe. Und zur Absage Apels an die AL heißt es: "Wir müssen die AL in die Verantwortung nehmen, um sie zu zähmen."

So ähnlich argumentierte auch der frühere Regierende Bürgermeister Stobbe, der nun gewiß nicht am linken Rand der SPD anzusiedeln ist; nur kommt er zu anderen Schlußfolgerungen. "Wir brauchen eine intelligente und nicht nur taktische Auseinandersetzung mit der AL. Wir müssen sie nach ihrer Verantwortung im demokratischen Staat fragen. Ist die AL bereit, auch zu handeln und nicht nur zu fordern, steht sie wirklich zur Verfügung? Wenn wir diese Fragen stellen, dann wird sich zeigen, daß es nicht gehen wird mit den Grünen. Aber das muß man belegen und sie nicht von vornherein ablehnen." Hans Apel ist, wie sich zeigt, der gleichen Meinung. Aber er will niemanden ausgrenzen und sucht die politische Auseinandersetzung mit der AL.