Von Wilfried Kratz

Die Verkäufer der 3 012 000 000 Aktien (Nennwert 25 Pence) der British Telecommunications PLC (50,2 Prozent des Kapitals) schwelgen in Superlativen. Es ist "die größte Börsenemission der Welt", prahlt David Clementi, Direktor der Londoner Merchant Bank Kleinwort, Benson. Die Presse nennt es den "Verkauf des Jahrhunderts". Was sich hier auf dem Weg in das Guinness-Buch der Rekorde befindet, ist die halbe Privatisierung des britischen Telephonsystems für rund 3,7 Milliarden Pfund oder etwa 13,7 Milliarden Mark. Die Aktion ist mit der Veröffentlichung des Vorprospekts in ihre letzte Phase getreten. Spätestens am 28. November, wenn die Zeichnungsfrist abläuft, wird man wissen, ob dieses bisher ehrgeizigste Unterfangen der konservativen Regierung Thatcher auf diesem Gebiet an der Börse ein Erfolg oder Reinfall war.

Die Manager der Bank, die für den Minister für Handel und Industrie die Emission durchführt, ziehen alle Register. Denn diese Privatisierung "muß" mehr als alle anderen vorangegangenen Transaktionen dieser Art gelingen, um den Elan aufrecht zu erhalten. Es begann im Frühjahr mit der Ernennung lokaler Agenten zur Bearbeitung der regionalen Märkte. Ein Team bereiste die Provinz in einem Sonderzug, um örtlichen Börsenmaklern, Bankiers und Steuerberatern British Telecom mittels einer Bilderschau als kommerzielles Unternehmen zu präsentieren, dessen Aktien unbedingt in die Depots ihrer Klienten gehören.

Es folgte eine Anzeigenkampagne, um das Image des Börsenaspiranten aufzufrischen, der in der Vorstellung des Publikums ein gemächliches, nicht sonderlich kundenbewußtes Staatsunternehmen ist, welches zwar ständig die Telephontarife erhöht, sich aber viel Zeit nimmt, um Anschlüsse herzustellen oder Reparaturen auszuführen. Bekannte Schauspieler priesen die schier unbegrenzten Chancen von British Telecom auf dem erregenden Gebiet der Telekommunikation. Das Unternehmen verschickte Broschüren mit seinen vierteljährlichen Telephonrechnungen. Ein Sonderbüro gab telephonisch Auskünfte und streute Informationsmaterial.

Nun hat die heiße Phase begonnen. Am 16. November wird der Emissionspreis genannt. Der weitaus größte Teil der Aktien wird von einem Bankenkonsortium übernommen und zur Zeichnung angeboten. Den Rest übernimmt die Bank von England für den Verkauf im Ausland. Dafür werden spezielle Bankenkonsortien in den USA, Kanada und Japan gebildet. Ein Team von Kleinwort, Benson begibt sich außerdem auf Verkaufsreise in die Schweiz, nach Westdeutschland, Frankreich und Holland. Am 28. November schließt die Zeichnung, und am 3. Dezember wird zum erstenmal die neue Aktie an der Börse gehandelt.

Die angepeilte Rendite von wenigstens sieben Prozent deutet auf einen Emissionspreis in der Gegend von 125 Pence je Aktie hin. Dem Börsenwert nach wird British Telecom eines der größten an der Börse gehandelten Unternehmen sein. Mit einem für das laufende Geschäftsjahr 1984/85 (31. März) vorausgesagten steuerpflichtigen Gewinn von wenigstens 1,35 Milliarden Pfund (360 Millionen Pfund mehr als im Vorjahr) wird die Gesellschaft auch hier mit an der Spitze liegen.

Nicht nur aus grundsätzlichen Überlegungen, sondern auch wegen der schieren Größe ist diese Privatisierung für die Regierung von ganz besonderer Bedeutung. Für sie gilt der Glaubenssatz: im Zweifel für die Privatwirtschaft. Die tiefe Skepsis dieser konservativen Regierung gegenüber staatlichen Wirtschaften verlangt Privatisierung, so weit das nur immer möglich ist. Gemäß dieser Doktrin erlebt Großbritannien den größten strukturellen Umschwung seit den Verstaatlichungen unter der sozialistischen Regierung Attlee unmittelbar nach dem Krieg. British Telecom ist der bisherige Höhepunkt dieses Wandels. Zum anderen streicht der Finanzminister nur zu gern die beträchtliche Summe ein, die Sparer, Spieler und institutionelle Anleger aufbringen. Schließlich ist gerade diese Privatisierung ein gesellschaftspolitisches Ereignis ersten Ranges.