Deutschland - wo liegt es?

Im Schatten des Wettrüstens in West und Ost gewinnt die "deutsche Frage" wieder an Aktualität. In Kreisen der Friedensbewegung, den Grünen, aber auch am linken Rand der SPD wird seit einiger Zeit über die Notwendigkeit eines "linken Patriotismus" diskutiert. Es ist von eingeschränkter Souveränität die Rede, von der Wiedergewinnung der außenpolitischen Handlungsfähigkeit. Immer häufiger ist zu hören, es sei ein Fehler, den konservativen Kräften die "nationale Frage" allein zu überlassen. Was geht hier vor? Haben wir es mit einem neuen deutschen Nationalismus zu tun, einem Nationalismus von links? Das Ausland reagiert jedenfalls empfindlich. Giulio Andreottis Pangermanismus-Vorwurf ist ein Indiz für wachsendes Mißtrauen, für unterschwellig vorhandene Ängste, die Deutschen in der Bundesrepublik und in der DDR könnten plötzlich eine gemeinsame Linie finden und wieder einer sattsam bekannten "Deutschland, Deutschland über alles"-Hybris verfallen, die für die Nachbarn und das europäische Gleichgewicht gefährlich werden könnte.

Die Debatte um die "deutsche Frage" ist längst auch auf den Buchsektor durchgeschlagen. Eine ganze Reihe von Verlagshäusern hat sich der Thematik angenommen. In auflagenstarken Publikationen wird gefragt, was es heißt, Deutscher zu sein, was Deutschland bedeutet, was deutsche Identität, was deutsche Nation und Nationalität? Der durch seine Bücher über Hitler, das NS-Regime und den Nürnberger Prozeß international bekannte

Werner Maser: "Deutschland – Traum oder Trauma. Kein Requiem"; Droemer Knaur Verlag, München 1984; 672 S., 45,– DM,

meint in seiner neuesten Veröffentlichung, die die Stationen der deutschen Nationalgeschichte seit 1815 nachzeichnet, daß es die historischen Erfahrungen, die traumatischen Belastungen der NS-Zeit sind, die es für die Deutschen qualvoll machen, sich mit der eigenen Identität zu beschäftigen.

Auf die Frage, was das Wort "Nation" bedeutet, stößt man auf eine Schwierigkeit, die dort liegt, wo man sie eigentlich nicht vermutet – im Definitorischen. Eine Antwort auf die uns heute bewegenden Fragen erhalten wir nur, wenn wir wissen, wovon wir überhaupt sprechen. Der Begriff "Nation" ist heute höchst diffus. Bilden die Bürger der Bundesrepublik eine deutsche Nation? Oder gehören hierzu auch die Bürger der DDR, vielleicht noch diejenigen Österreichs? Ernsthaft wird das Letztere heute keiner behaupten wollen. Die Bevölkerung der Bundesrepublik, der DDR und Österreichs haben in den letzten Jahrzehnten jeweils eine eigenständige Entwicklung durchgemacht, sind sich ihres politisch-kulturellen Eigenwertes bewußt geworden und bejahen gefühlsmäßig ihre Existenz als selbständige, konkrete Ganzheiten – Bedingungen, die aus einem Volk erst eine Nation machen.

Ein Produkt der Geschichte

In seiner 1882 erschienenen Schrift "Qu’est-ce qu’une nation?" hat Ernest Renan den Satz aufgestellt: "Die Nation ist ein sich täglich wiederholendes Plebiszit." Wird dies akzeptiert, ebenfalls die Feststellung, daß Völker nur langsam zu einer Nation heranwachsen, dann wird auch nicht abgestritten werden können, daß das Geschichtsbild eines Volkes, entsprechend den historisch-politischen Entwicklungen, wandelbar und mit verschiedenem Inhalt gefüllt werden kann. Es ist dies eine Überlegung, die insofern von Bedeutung ist, als heute in den Debatten (auch Maser geht aus von einem deutschen Volk in den Grenzen von 1937) mit einem statischen Begriff der "Nation" operiert wird – mit der Vorstellung, daß das deutsche Volk im Bismarck-Reich seine staatliche Einheit, aber auch seine endgültige, nicht mehr in Frage zu stellende, nationale Identität erhalten hat.

Deutschland - wo liegt es?

Die "Nation" ist also nicht ein Produkt der Natur, sondern der Geschichte. Nur dieser Zugang gibt einen Sinn, macht verständlich, warum der Begriff Wandlungen unterworfen ist, warum er im Laufe der Geschichte mit den verschiedenen Ständen und Gruppen innerhalb des Volkes identifiziert und inhaltlich so verschieden interpretiert werden konnte. Es ist kein Zufall, daß zu einer Zeit, in der lediglich der Adel ein echtes Nationalbewußtsein zu entwickeln vermochte, die Nation mit dem Adel gleichgesetzt wurde. Luther zum Beispiel adressierte seine 1520 veröffentlichte Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation". Und noch im 18. Jahrhundert wurde unter den Ständen vor allem der Adel mit der Nation identifiziert. Das Bürgertum, der Träger der modernen deutschen Nationalbewegung, war noch nicht ins Blickfeld gerückt.

In Deutschland ist die Nation aus dem Gewirr der territorialen Zersplitterung, aus einer Vielzahl von Königreichen, Herzogtümern, Grafschaften, Abteien, Reichsstädten erwachsen. Das populär geschriebene, glänzend aufgemachte Gemeinschaftswerk von vier ausgewiesenen Historikern der Nachkriegsgeneration

Hartmut Boockmann, Heinz Schilling, Hagen Schulze, Michael Stürmer: "Mitten in Europa. Deutsche Geschichte"; Siedler Verlag, Berlin 1984; 432 S., zahlr. Abb., 68,– DM,

führt nicht nur vor, wie Geschichte lesbar aufbereitet werden kann, sondern zeigt auch, was für unseren Zusammenhang interessant ist, daß die Nationwerdung im Kontext deutscher Geschichte gesehen werden muß, daß dafür der Zerfall des Reiches vorausging, der Prozeß der Dechristianisierung, die Aufklärung, der Aufstieg des Bürgertums, vor allem aber die Konfrontation mit Napoleon und dem französischen Nationalismus.

Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommende neue romantische Volksbegriff, auf Herder und Fichte zurückgehend, die patriotischen Predigten von Ernst Moritz Arndt ("Einmüthigkeit der Herzen sey eure Kirche, Haß gegen die Franzosen eure Religion, Freyheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet!"), die Vorstellungen, das deutsche Volk sei das ursprüngliche, das unverfälschte, das "heilige Volk" (Turnvater Jahn), haben viel Unheil gestiftet. Hier finden sich bereits Strukturelemente, die auf christliches Sendungsbewußtsein und Heilsgewißheit hinweisen, Elemente also, die in unserem Jahrhundert im Nationalismus virulent geworden sind und zu schrecklichen Auswüchsen geführt haben.

Auch Bismarcks Reich war kein wirklicher Nationalstaat

Eine entscheidende Weichenstellung der deutschen Nationalgeschichte ist zweifellos das Jahr 1866 gewesen. Michael Stürmer fragt zu Recht, ob nicht die Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 die Geschicke Mitteleuropas entschieden hat? Österreich hatte in der Tat hier nicht nur einen Krieg verloren. Es schied, und mit ihm der alte Reichsgedanke, aus der Gestaltung der deutschen Politik für die Zukunft aus. Bismarck setzte die kleindeutsche Lösung durch, im Norddeutschen Bund, dann im Gefolge des gewonnenen Krieges gegen Frankreich im Deutschen Reich. Der Jubel war groß, wie immer, wenn eine anscheinend aussichtslose Sache Erfolg hat. Selbst einstige Gegner wurden zu Parteigängern Bismarcks. Skeptische Stimmen, die es durchaus gab, verhallten ungehört. Die meisten waren davon überzeugt, eine alte Sehnsucht sei in Erfüllung gegangen und das deutsche Volk werde in dem neuen deutschen Reich seiner Bestimmung zugeführt werden.

Deutschland - wo liegt es?

War also das Bismarck-Reich die Verwirklichung des Traumes vom demokratischen Nationalstaat? Bedenkt man, daß das alte Reich ein übernationales, mehrsprachiges, viele Völker umfassendes Gebilde war, dann sind Zweifel angebracht. Einmal ist das Kaiserreich von 1871 niemals wirklich zum Nationalstaat der Deutschen geworden; von den Österreichern ganz abgesehen, lebten zahlreiche deutsche Volksgruppen außerhalb der Reichsgrenzen. Andererseits gab es etwa 2,5 Millionen Polen in den Reichsgrenzen, die preußische Untertaten waren, es aber ablehnten, sich als Deutsche zu fühlen.

Das Bismarck-Reich war auch alles andere als ein Einheitsstaat, nicht einmal von einer einheitlichen Staatsgesinnung seiner Bewohner konnte die Rede sein. Da gab es Altpreußen in Ostelbien, denen das Reich noch lange fremd blieb, weifische und andere Partikularisten, die das Reich ablehnten, universalistisch denkende Großdeutsche, besonders in Süddeutschland, und dann, wie sich rasch zeigen sollte, ein großer Teil der Katholiken, die von Haus aus Österreich oder dem alten Deutschen Bund enger verbunden waren und die durch Bismarcks Kulturkampfgesetze in Gefühle ausgesprochener Reichsfeindschaft hineingetrieben wurden. Dazu kam noch der Widerstand der durch Bismarcks repressive Sozialistengesetze provozierten klassenbewußten Arbeiterschaft, die zum Reich ebenfalls in ein gebrochenes Verhältnis geriet.

Was soll also das Festhalten an Träumen, die schon zu ihrer Zeit konträr zur Wirklichkeit standen? Es ist ein Problem der Bundesrepublik, sich zum Reichserbe bekannt zu haben, daß die Väter dieser Republik glaubten, es sei möglich, eine Politik zu betreiben, die bruchlos an die Traditionen des Reiches und der Republik von Weimar anknüpft. Daß dies nicht ohne weiteres geht, sondern auf Schwierigkeiten stoßen mußte, liegt in der Natur der Sache. Die meisten der Traditionen sind obsolet geworden und können nicht mehr auf die Gegenwart übertragen werden. Michael Stürmer gebraucht deshalb die Metapher von Deutschland als dem "zerbrochenen Haus". Was aber macht man mit Häusern, die beschädigt oder in den Balken morsch geworden sind? Entweder man repariert sie, oder man reißt sie ab. Läßt man sie stehen, wie sie sind, sind sie ein stetes Ärgernis, das einen daran erinnert, etwas unerledigt gelassen zu haben.

Was können wir tun? Wie sollen wir uns gegenüber der "deutschen Frage" verhalten? Vielleicht hilft ein im Umfang schmales, aber lesenswertes Buch weiter:

Andreas Hillgruber: "Die Last der Nation. Fünf Beiträge über Deutschland und die Deutschen"; Droste Verlag, Düsseldorf 1984; 120 S., 24,– DM.

Der Kölner Historiker gibt den Ratschlag, sich von der Last der Nation nicht zu befreien, aber sich von ihr nicht erdrücken zu lassen. Für Hillgruber steht noch lange nicht fest, ob der seit Anfang des 19. Jahrhunderts hervorgetretene Kerngedanke, die Deutschen in einem "Nationalstaat" zusammenzufassen, überhaupt richtig ist. Wichtig, meint Hillgruber, ist zu wissen, wer eigentlich zu den Deutschen gehört. Ist hierfür die Sprache ein konstitutives Merkmal? Wenn ja, was ist dann mit den Elsässern oder den Deutsch-Schweizern? Galt und gilt die Idee des deutschen Nationalstaates nur für den deutschen Siedlungsraum in Mitteleuropa? Oder müssen die deutschen Sprachinseln im Baltikum, in Siebenbürgen, in Südrußland in Beziehung zum nationalstaatlichen Kern gebracht werden? Hillgruber meint, daß diese Fragen in der Geschichte der "gescheiterten Großmacht" nie eindeutig beantwortet worden sind.

Bewußte Abwendung

Deutschland - wo liegt es?

Für die Zeit nach 1945 konstatiert Hillgruber eine vielfach unbewußte Abwendung der meisten Deutschen von ihrer Nation. Er glaubt zu erkennen, daß dies damit zusammenhängt, daß sich die meisten Deutschen ihrer Nation schämten, in deren Namen in der NS-Zeit kaum vorstellbare Greuel begangen wurde. Es kommt hinzu, daß durch die Teilung Europas der Möglichkeit, eine gesamtdeutsche Politik zu treiben, enge Grenzen gesetzt sind. In absehbarer Zeit ist nicht damit zu rechnen, daß sich an der Westintegration der Bundesrepublik und der Ostintegration der DDR etwas ändert – Grundvoraussetzung einer gesamtdeutschen Politik in der Zukunft.

Es ist schwierig eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es in der "deutschen Frage" weitergehen soll. Hillgruber plädiert für eine Deutschlandpolitik mit Maß. Aber auch er muß bekennen, daß dies in der gegenwärtigen Großwetterlage schwierig ist. Angesichts der Teilung Europas, in Einflußsphären der USA und der Sowjetunion ist in nächster Zeit kaum mit größeren Veränderungen zu rechnen. Deutschlandpolitische Aktivitäten, die zu einer Verschiebung der Machtsphären in Mitteleuropa führten, könnten das globale Gleichgewicht stören und eine Kriegskatastrophe heraufbeschwören, die alles vernichten würde. Und das kann kaum in unser aller Interesse sein.