Die "Nation" ist also nicht ein Produkt der Natur, sondern der Geschichte. Nur dieser Zugang gibt einen Sinn, macht verständlich, warum der Begriff Wandlungen unterworfen ist, warum er im Laufe der Geschichte mit den verschiedenen Ständen und Gruppen innerhalb des Volkes identifiziert und inhaltlich so verschieden interpretiert werden konnte. Es ist kein Zufall, daß zu einer Zeit, in der lediglich der Adel ein echtes Nationalbewußtsein zu entwickeln vermochte, die Nation mit dem Adel gleichgesetzt wurde. Luther zum Beispiel adressierte seine 1520 veröffentlichte Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation". Und noch im 18. Jahrhundert wurde unter den Ständen vor allem der Adel mit der Nation identifiziert. Das Bürgertum, der Träger der modernen deutschen Nationalbewegung, war noch nicht ins Blickfeld gerückt.

In Deutschland ist die Nation aus dem Gewirr der territorialen Zersplitterung, aus einer Vielzahl von Königreichen, Herzogtümern, Grafschaften, Abteien, Reichsstädten erwachsen. Das populär geschriebene, glänzend aufgemachte Gemeinschaftswerk von vier ausgewiesenen Historikern der Nachkriegsgeneration

Hartmut Boockmann, Heinz Schilling, Hagen Schulze, Michael Stürmer: "Mitten in Europa. Deutsche Geschichte"; Siedler Verlag, Berlin 1984; 432 S., zahlr. Abb., 68,– DM,

führt nicht nur vor, wie Geschichte lesbar aufbereitet werden kann, sondern zeigt auch, was für unseren Zusammenhang interessant ist, daß die Nationwerdung im Kontext deutscher Geschichte gesehen werden muß, daß dafür der Zerfall des Reiches vorausging, der Prozeß der Dechristianisierung, die Aufklärung, der Aufstieg des Bürgertums, vor allem aber die Konfrontation mit Napoleon und dem französischen Nationalismus.

Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommende neue romantische Volksbegriff, auf Herder und Fichte zurückgehend, die patriotischen Predigten von Ernst Moritz Arndt ("Einmüthigkeit der Herzen sey eure Kirche, Haß gegen die Franzosen eure Religion, Freyheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet!"), die Vorstellungen, das deutsche Volk sei das ursprüngliche, das unverfälschte, das "heilige Volk" (Turnvater Jahn), haben viel Unheil gestiftet. Hier finden sich bereits Strukturelemente, die auf christliches Sendungsbewußtsein und Heilsgewißheit hinweisen, Elemente also, die in unserem Jahrhundert im Nationalismus virulent geworden sind und zu schrecklichen Auswüchsen geführt haben.

Auch Bismarcks Reich war kein wirklicher Nationalstaat

Eine entscheidende Weichenstellung der deutschen Nationalgeschichte ist zweifellos das Jahr 1866 gewesen. Michael Stürmer fragt zu Recht, ob nicht die Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 die Geschicke Mitteleuropas entschieden hat? Österreich hatte in der Tat hier nicht nur einen Krieg verloren. Es schied, und mit ihm der alte Reichsgedanke, aus der Gestaltung der deutschen Politik für die Zukunft aus. Bismarck setzte die kleindeutsche Lösung durch, im Norddeutschen Bund, dann im Gefolge des gewonnenen Krieges gegen Frankreich im Deutschen Reich. Der Jubel war groß, wie immer, wenn eine anscheinend aussichtslose Sache Erfolg hat. Selbst einstige Gegner wurden zu Parteigängern Bismarcks. Skeptische Stimmen, die es durchaus gab, verhallten ungehört. Die meisten waren davon überzeugt, eine alte Sehnsucht sei in Erfüllung gegangen und das deutsche Volk werde in dem neuen deutschen Reich seiner Bestimmung zugeführt werden.