War also das Bismarck-Reich die Verwirklichung des Traumes vom demokratischen Nationalstaat? Bedenkt man, daß das alte Reich ein übernationales, mehrsprachiges, viele Völker umfassendes Gebilde war, dann sind Zweifel angebracht. Einmal ist das Kaiserreich von 1871 niemals wirklich zum Nationalstaat der Deutschen geworden; von den Österreichern ganz abgesehen, lebten zahlreiche deutsche Volksgruppen außerhalb der Reichsgrenzen. Andererseits gab es etwa 2,5 Millionen Polen in den Reichsgrenzen, die preußische Untertaten waren, es aber ablehnten, sich als Deutsche zu fühlen.

Das Bismarck-Reich war auch alles andere als ein Einheitsstaat, nicht einmal von einer einheitlichen Staatsgesinnung seiner Bewohner konnte die Rede sein. Da gab es Altpreußen in Ostelbien, denen das Reich noch lange fremd blieb, weifische und andere Partikularisten, die das Reich ablehnten, universalistisch denkende Großdeutsche, besonders in Süddeutschland, und dann, wie sich rasch zeigen sollte, ein großer Teil der Katholiken, die von Haus aus Österreich oder dem alten Deutschen Bund enger verbunden waren und die durch Bismarcks Kulturkampfgesetze in Gefühle ausgesprochener Reichsfeindschaft hineingetrieben wurden. Dazu kam noch der Widerstand der durch Bismarcks repressive Sozialistengesetze provozierten klassenbewußten Arbeiterschaft, die zum Reich ebenfalls in ein gebrochenes Verhältnis geriet.

Was soll also das Festhalten an Träumen, die schon zu ihrer Zeit konträr zur Wirklichkeit standen? Es ist ein Problem der Bundesrepublik, sich zum Reichserbe bekannt zu haben, daß die Väter dieser Republik glaubten, es sei möglich, eine Politik zu betreiben, die bruchlos an die Traditionen des Reiches und der Republik von Weimar anknüpft. Daß dies nicht ohne weiteres geht, sondern auf Schwierigkeiten stoßen mußte, liegt in der Natur der Sache. Die meisten der Traditionen sind obsolet geworden und können nicht mehr auf die Gegenwart übertragen werden. Michael Stürmer gebraucht deshalb die Metapher von Deutschland als dem "zerbrochenen Haus". Was aber macht man mit Häusern, die beschädigt oder in den Balken morsch geworden sind? Entweder man repariert sie, oder man reißt sie ab. Läßt man sie stehen, wie sie sind, sind sie ein stetes Ärgernis, das einen daran erinnert, etwas unerledigt gelassen zu haben.

Was können wir tun? Wie sollen wir uns gegenüber der "deutschen Frage" verhalten? Vielleicht hilft ein im Umfang schmales, aber lesenswertes Buch weiter:

Andreas Hillgruber: "Die Last der Nation. Fünf Beiträge über Deutschland und die Deutschen"; Droste Verlag, Düsseldorf 1984; 120 S., 24,– DM.

Der Kölner Historiker gibt den Ratschlag, sich von der Last der Nation nicht zu befreien, aber sich von ihr nicht erdrücken zu lassen. Für Hillgruber steht noch lange nicht fest, ob der seit Anfang des 19. Jahrhunderts hervorgetretene Kerngedanke, die Deutschen in einem "Nationalstaat" zusammenzufassen, überhaupt richtig ist. Wichtig, meint Hillgruber, ist zu wissen, wer eigentlich zu den Deutschen gehört. Ist hierfür die Sprache ein konstitutives Merkmal? Wenn ja, was ist dann mit den Elsässern oder den Deutsch-Schweizern? Galt und gilt die Idee des deutschen Nationalstaates nur für den deutschen Siedlungsraum in Mitteleuropa? Oder müssen die deutschen Sprachinseln im Baltikum, in Siebenbürgen, in Südrußland in Beziehung zum nationalstaatlichen Kern gebracht werden? Hillgruber meint, daß diese Fragen in der Geschichte der "gescheiterten Großmacht" nie eindeutig beantwortet worden sind.

Bewußte Abwendung