Porträts politischer Personen, das erfährt jeder im journalistischen Gewerbe, zählen zum Schwierigsten, was das Metier bereithält. Nur knapper Raum, aber ein Akteur mit tausend Facetten, nur eine Momentaufnahme, weil die Konstellationen, in denen sich der Porträtierte bewegt, fortwährend wechseln – das hat so seine Tücken. Schwieriger noch: Der Akteur bewegt sich auf öffentlicher Bühne, das heißt, mit allen. Fähigkeiten zur Selbstdarstellung – und Selbstverstellung; Rollenspiel als zweite Natur. Wo also verläuft die Grenze zwischen Schein und Sein? Und wie läßt sich der Porträtierte festhalten, ohne daß ihm Ungerechtigkeit widerfährt? – Zu denen, die sich auf diese Kunst verstehen, ohne daß die Mühe zutage tritt, gehört

Sibylle Krause-Burger: "Wer uns jetzt regiert. Die Bonner Szene nach der Wende"; Deutsche Verlags-Anst., Stuttg. 1984; 232 S.; 26,– DM.

Vor dem Vorhaben, gleich das ganze neue Regierungspersonal in Bonn ins Visier zu nehmen, alle wichtigen Figuren und einige weniger wichtige, aber typische dazu – davor wäre mancher zurückgeschreckt. Auch Sibylle Krause-Burger, freie Journalistin in Stuttgart, bewältigt es, wie denn anders, mit wechselndem Erfolg. Es gibt Pflichtstücke, wohl im Sinne einer gewissen repräsentativen Vollständigkeit. Nicht nur das Porträt von Karl Carstens, auch das Richard von Weizsäckers bleibt, merkwürdigerweise, blaß. Und noch so viele Seiten über Helmut Kohl lösen nicht das Rätsel, woher er sein schier unerschütterliches Selbstbewußtsein und seine Selbstzufriedenheit nimmt. Oder Franz Josef Strauß: Er bleibt das Bündel von Widersprüchen, das noch niemand hat entwirren können.

Sibylle Krause-Burger ficht das nicht an. Sie nimmt das Widersprüchliche, die vielen Facetten einfach hin. Sie erzählt und beschreibt, und unversehens entsteht aus dem Mosaik ihrer Eindrücke doch ein Muster. Das bewahrt sie auch vor dem verzweifelten Versuch, aus manchmal allzu glattem Stein dennoch ein Gesicht herauszukratzen – ein Unterfangen, das andere immer wieder dazu verleitet, dem Gegenüber um jeden Preis hinter die Fassade blicken zu wollen. Oft endet ein solcher Versuch in bösartiger Enthüllung oder gar Zerstörung um ihrer selbst willen. Das ist Sibylle Krause-Burgers Sache nicht; sie ist eine sanfte Porträtistin, nicht um knallige Pointen, sondern um Gerechtigkeit bemüht.

Aber einen Weichzeichner benutzt sie deshalb nicht. Im Gegenteil, ihr sanftes Beharren, ihr geduldiges Umkreisen der Person hat eine eigene Genauigkeit. Dann erscheint plötzlich gestochen scharf jener Hans-Dietrich Genscher, der nur eine politische Funktion ist, der Taktiker, dem alles und alle zum Instrument werden. Oder bei dem Showtalent Norbert Blüm führt die geduldige und intensive Beobachtung dann doch zu enthüllenden Einsichten: "Hinter seiner Leutseligkeit verbirgt sich auch Leutescheu. Nur weil er offenbar schwer warm werden kann, ist er so leicht überhitzt." Und am Ende kommt die Beschreibung doch und wie von ungefähr auf einen kurzen und präzisen Begriff, etwa bei dem Nachwuchspolitiker Matthias Wissmann, diesem "jungen Mann ohne viel Eigenschaften".

Das hat mit dem Spiel in vielen wechselnden Rollen, mit jener Selbstentäußerung zu tun, die Politiker kennzeichnet – eine berufliche Deformation und ein allgemeines, kein spezifisches Problem des neuen Regierungspersonals. Sibylle Krause-Burger ist dafür besonders sensibel. Deshalb ist es auch kein Zufall, daß die Porträts von Blüm und Wissmann zu den besten Stücken in ihrem Buch gehören. Sie reißt den Vorhang nicht herunter, aber sie macht ihn durchsichtig. Daß die, die uns jetzt regieren, auch keine Übermenschen sind, daß auch die vielberufene Wende ihr menschliches Normalmaß hat, Frau Krause-Burger führt es vor Augen, ebenso sanft wie eindringlich. Carl-Christian Kaiser