Von Margrit Gerste

Trier

Nebel lag schwer auf dem 2000jährigen Trier, herbstliche Melancholie wohl auch auf der Seele so manches Bürgermeisters oder Kreisvorsitzenden, Landrats und Ortsvereinsersten. Nicht des Wetters wegen, nein, aber was war denn alles passiert in diesen vergangenen zwei Wochen! Barzel und Brauchitsch, Bonn und Düsseldorf, Betrug und Bestechung! Die ganze Republik: käuflich, zumal die eigenen Leute? Blickt da noch einer durch? Und wer ein gutes Gedächtnis hat, dem fiel auch gleich noch alles andere ein – von Kießling bis zur Amnestie und die eigene häusliche Misere: Steueroase Rheinland-Pfalz, Politiker, Steuerbeamte, Ministeriale sollen Geld in die Parteikassen geschaufelt haben, der Untersuchungsausschuß tagt.

Nun würden sie also ihren Bernhard Vogel wieder zum Vorsitzenden küren, mit Abstrichen zwar – manchem scheint er abgenutzt, zu zögerlich, zu räsonnierend – aber doch eindeutig den kühnen Anspruch Vogels auf die Landesvaterschaft über 1987 hinaus absegnend. Doch viele wollten mehr und anders: "Hochgehen" wollten sie aufs Podium der Europahalle und "schimpfen". Mit "Unmut und Defätismus" seien viele zu diesem ersten großen Landesparteitag der CDU nach den atemberaubenden Bonner Explosionen gekommen. "Wir Kommunalpolitiker leisten unter großem Einsatz doch die Kleinarbeit – ehrenamtlich. Mancher sieht nun die Früchte seiner Arbeit verloren." Die Befindlichkeiten delegierter Christdemokraten in diesem "erfolgreichsten Landesverband" (Vogel) reichten von "nicht gerade euphorisch" über "sehr unbehaglich" bis zu "einer gewissen Depression", oder kräftiger: "stinksauer".

Sogar der loyale Vogel sprach davon, daß "mancher die Faust in der Tasche ballt, wenn er den Ablauf dieses Jahres überdenkt" – bevor er sich in des Kanzlers Arme warf und der ihn hernach mit ganz ungewohntem Überschwang herzte. Schließlich hatte Vogel ihn ganz gegen seinen Willen in der rheinland-pfälzischen Heimat beerbt.

25 (von rund 400) Delegierte gar forderten frech: Politiker und hohe politische Beamte, Hosen runter! Und beantragten Offenlegung aller Einkommen samt Nebenverdiensten. Man müsse zur Besinnung kommen, wie die Amerikaner nach Nixon; müsse die Befähigung zum guten Gewissen wiedererlangen; müsse die Kraft aufbringen zu kapieren, was passiert ist. Amnestie? Nie! Sagt’s im Gespräch, da ereilt den Mann von der Jungen Union die Nachricht, daß er, der einzig neu Kandidierende, soeben nicht in den Vorstand gewählt wurde. – Soweit die Stimmung "davor".

Dann kam Kohl und hielt eine lange, lange Rede über Gott und die Welt, über "Druck-Erzeugnisse" und "blühende Republik". Stille breitete sich aus, kirchliche Stille. Die Medien haben den CDU-Mitgliedern eine bestürzende, verwirrende Wirklichkeit eröffnet, Kohl gelingt es nun offenbar, sie in der ihm eigenen Realitätsferne aus Bonner Bunkermentalität und Unverfrorenheit emporzuheben auf seine stattliche Brusthöhe. Dort werden sie innig umarmt, wird jede Frage, jede Kritik herzend abgewürgt. Auch drohend: "Wir können nur als Ganze gewinnen oder als Ganze verlieren!"