Von Horst Bieber

Als erster wagte es ein venezolanischer Präsident, der Christdemokrat Rafael Caldera, Anfang der sechziger Jahre, mit der Guerilla in seinem Land zu verhandeln. Eine Amnestie öffnete den Untergrundkämpfern den Weg zurück in die Gesellschaft, schließlich sogar – als linke (Splitter-)Partei – in die Parlamente. Die damit gewonnene Ruhe im Innern nahm dem Militär eine wichtige Rechtfertigung, sich noch einmal in die Politik einzumischen.

Zwanzig Jahre schien dieses mutige Experiment vergessen, bis der kolumbianische Präsident Betancur sich des nachbarlichen Vorbildes entsann. Betancur wiederum inspirierte den salvadorensischen Präsidenten Napoleon Duarte zu dem Versuch, sich mit der Guerilla zu verständigen; das erste Treffen fand am 15. Oktober in dem kleinen Bergdorf La Palma statt. Das Ergebnis scheint mager: Man will im Gespräch bleiben (unterdes geht der Krieg weiter). Allein die Tatsache des Treffens zählt deswegen – und die sich darin widerspiegelnde Veränderung der Guerilla.

In Europa hat das griffige Wort "Guerilla" (eigentlich: kleiner Krieg) immer den Blick dafür verstellt, daß von einer einheitlichen Bewegung nie die Rede war, selbst dort nicht, wo verschiedene Gruppen unter einem gemeinsamen Kommando gegen die Staatsmacht kämpften. Die Zersplitterung der bürgerlichen Mitte setzte sich im linken Spektrum fort; es gab und gibt Maoisten und Stalinisten, Trotzkisten und Anarchisten, Sozialisten und Sozialdemokraten. Zur ideologischen Differenzierung gesellt sich der Streit um die richtige Taktik: Erhebung des Volkes oder verlängerter (Klein-)Krieg, Terror in den städtischen Machtzentren oder Mobilisierung der Landbevölkerung. Die kubanische Hilfe für die Guerilla auf dem Festland hat zu einem großen Teil darin bestanden, die verfeindeten Revolutionsbrüder unter einen (politischen) Hut zu bringen, und zwar immer nur vorübergehend; eine dauerhafte Versöhnung ist nie gelungen. Diese Realität zu erkennen und ins Kalkül einzubeziehen, gehört zu den Merkmalen der "neuen" Guerilla. Es ist gleichzeitig ein Eingeständnis der eigenen Schwäche, nicht unbedingt für die Kampfzeit – weshalb wenig Interesse besteht, sie rasch zu beenden –, aber für die Zeit danach.

Diese "Zeit danach", der Sieg, rückt nun in immer weitere Ferne. Nach 1961, dem Einzug Fidel Castros in Havanna, hat nie mehr eine Guerilla das Regime stürzen können, selbst in Nicaragua nicht. Es gehört zwar zu den sandinistischen Mythen, sich des militärischen Erfolges über Somoza zu berühmen, aber die Wahrheit ist anders. Somoza floh unbesiegt, als ihm Washington die Unterstützung entzog. In allen lateinamerikanischen Staaten mit aktiver Guerilla gilt: Sie ist zu stark, um militärisch besiegt zu werden, und zu schwach, um selbst zu siegen. Auch das bedenkt die neue Guerilla.

Nicaragua bietet noch eine weitere Lehre: Der amerikanische Präsident Jimmy Carter ließ Somoza fallen, weil es eine breite Oppositionsfront von ganz links bis ganz rechts gab (einschließlich der einflußreichen Kirche). "Ein Volk gegen einen Mann" hieß im Bürgerkrieg ein überspitzter, aber nicht ganz falscher Slogan. Die Einheit hat nicht vorgehalten, die Oppositionsfront zerfiel, unter anderem auch wegen der Machtansprüche der linken Sandinisten. Bürgerliche Mitte und Konservative tendieren . heute zur Opposition und zur antisandinistischen Guerilla.

Eine neue "breite Front" ist nach diesen Erfahrungen in Lateinamerika recht unwahrscheinlich; anderseits müssen sich die politischen Vordenker der Guerilla eingestehen, daß ohne eine "breite Front" ein Erfolg über eine Diktatur so gut wie ausgeschlossen ist.