Von Hansjakob Stehle

Kein lodernder Holzstoß verzehrt den Leichnam des zu Tode Gefolterten, nur Kerzen brennen an seinem Grab, das zur nationalen Wallfahrtsstätte wird. Im fernen Indien wird die Asche eines anderen Opfers politischen Mordens in alle Winde verstreut und der Tod zum Signal blutigen Glaubenskrieges; in Warschau jedoch strecken sich über der Bahre des Märtyrers Hände zur Versöhnung aus – sogar zu den Mördern und ihren Anstiftern ...

Das jedenfalls ist – auch wenn das "Abendland" nicht viel christlicher wurde seit der Epoche der Scheiterhaufen – die einzig mögliche Antwort, die ein Primas von Polen, der sich als Hüter von Religion und Nation versteht, auf solche Gewalttat heute geben kann. Kardinal Jozef Glemp, selbst keine charismatische Symbolfigur wie sein Vorgänger Wyszynski, gab sie schlicht, aber auch hart, ohne frömmelnde oder politisierende Rhetorik in seiner Grabrede für Jerzy Popieluszko. Dieser junge Vikar der Warschauer Vorstadtpfarrei St. Stanislaw Kostka ist durch seinen von – ebenso brutalen wie dummen – Staatspolizisten verschuldeten Tod zu einer Art Medium geworden zwischen den Hunderttausenden, die empört um ihn trauerten, und dem oft mißverstandenen, als Vermittler zwischen Regime und Volk kritisierten Primas. "Vielleicht", so rief Glemp ihnen zu, "war dieses Opfer notwendig, um die versteckten Mechanismen des Bösen aufzudecken und Kräfte freizumachen, die nach dem Guten, nach Offenheit und Vertrauen streben."

Noch ist schwer abzusehen, ob die Regierenden überhaupt imstande sind, eine solche Chance zu nutzen. Daß sie es möchten, obschon – oder gerade weil – auf sie selbst der Schatten der mörderischen Provokateure fällt, ist fast gewiß. Auch daß sie nach Stunden des Zögerns Glemps Totenrede durch den polnischen Rundfunk verbreiten ließen, läßt darauf schließen, zumal der Primas nicht nur zum "Tisch des Dialogs" gerufen, sondern den staatlichen Medien "Blindheit gegenüber der religiösen Wirklichkeit des Landes und ihrer gesellschaftlichen Dimension" vorgeworfen hat. Als Beispiel erwähnte Glemp zwar nur die groteske Tatsache, daß die Warschauer Presse in ihren Berichten vom Allerseelentag auf den zwanzigtausend Friedhöfen des Landes mit keinem Wort das religiöse Totengedenken erwähnt hatte. Gemeint war aber jene ideologisierte Ignoranz, die den Boden für Untaten wie den Popieluszko-Mord bereitet, weil sie hinter jedem kirchlichen Engagement im öffentlichen Leben, das ihr mißfällt, Finsteres, ja Gefährliches wittert.

So hatte der Regierungssprecher Jerzy Urban am 19. September in der Zeitschrift Tut teraz die patriotischen Gottesdienste Popieluszkos mit "schwarzen Messen" verglichen und den Vikar zum "Savonarola des Antikommunismus" hochstilisiert. Gewiß vertrat Popieluszko das, was die katholische Amtskirche – vom Papst bis zum Kölner Kardinal – kritisiert, wenn es in Lateinamerika und dazu noch marxistisch verbrämt auftritt: eine politische Theologie der Befreiung, eine – von der Hierarchie etwas distanzierte – "Volkskirche". Popieluszko erteilte dem General des Militärstreichs vom 13. Dezember 1981 von der Kanzel herab nicht die Absolution des "kleineren Übels", sondern prophezeite ihm "eine böse Ernte" und (zuletzt noch in Bydgoszcz die "Überwindung des Bösen durch das Gute" – nämlich die Solidarnosc.

Kardinal Glemp hingegen, als nüchterner Theologe ohne jede Chomeini-Ambition, hielt stets fest am Prinzip einer notwendigen "gegenseitigen Sicherheitsgarantie" (Wyszynski) zwischen Kirche und kommunistischer Regierung. So auch jetzt, als er den Märtyrer ehrte, den Polens (letzte) Kommunisten hervorgebracht haben. "Man" habe dem Ermordeten eine zu starke Politisierung seiner Verkündigung vorgeworfen, sagte der Kardinal – ein Thema, das nicht jetzt, aber zu gegebener Zeit "vertieft" werden müsse. Glemp deutet damit an, was er in seiner Weihnachtsbotschaft 1983 unverblümt ausgesprochen hatte: "Der Episkopat wird – in Übereinstimmung mit den Anordnungen des Heiligen Stuhls – die Geistlichen vor einem Engagement in der Politik warnen." Daß er damit auch manche Priester (unter ihnen Popieluszko) gemeint hatte, die "aus Begeisterung für den Kampf der Benachteiligten zum Echo gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden", diesen allzu deutlichen Hinweis tilgte Glemp damals mit Rücksicht auf seine Kritiker aus dem in Polen publizierten Text; zugleich aber betonte er: "Die Aufgabe der Priester, die Menschen mit Gott zu versöhnen, schließt sie nicht vom Dienst für die Nation aus." Und eben dies bekräftigte der Primas jetzt am Grab Popieluszkos: Die Vaterlandsliebe als eine Form der Nächstenliebe sei eben "keine bloße Abstraktion, sondern sie drückt sich im gesellschaftlichen Engagement aus .. .".

Wo dessen Grenzen für den Klerus genau zu ziehen sind, bleibt in Polen wie anderswo ein römisch-katholisches Problem. Nur schürzt es sich für den Warschauer Primas nach dem jüngsten Drama zu einem besonders harten Knoten: Auch er, nicht nur General Jaruzelski, dem er seit Januar nicht mehr begegnete, steht nun vor der Frage, wie die Chance zum "Dialog", zu jener immer wieder beschworenen, so oft schon versäumten "nationalen Verständigung" genutzt werden kann. Ist Glemps bisheriger Verzicht, selbst "politischer" Partner zu sein, überhaupt noch durchzuhalten? Oder ist der eigentliche Partner an der Bahre Popieluszkos wieder auferstanden?