Die Inflationsrate droht in diesem Jahr tausend Prozent zu überschreiten

Von Henryk M. Broder

Die Nachricht kam, wie in solchen Fällen üblich, um Mitternacht. Die Regierung habe beschlossen, erfuhren Radiohörer, die staatlich kontrollierten Preise für Treibstoff und Heizöl um 24 Prozent zu erhöhen. Die Zwölf-Uhr-Nachrichten waren noch nicht zu Ende, da hatten sich schon Schlangen gebildet an den Tankstellen, die zu dieser späten Stunde noch auf waren. Zwar sollte die Preiserhöhung um Mitternacht in Kraft treten, aber solange die Tankwarte Benzin zapfen mußten, konnten sie die Uhren nicht auf den neuen Preis umstellen.

Es war die vierte Benzinpreiserhöhung im Laufe von knapp zwei Monaten. Ein Liter Super (96 Oktan) hatte Anfang September noch 163 Schekel gekostet, am 3.9. wurde der Preis auf 196 Schekel, am 17.9. auf 214 Schekel, am 24.9. auf 279 Schekel und zuletzt am 24.10. auf 346 Schekel angehoben, im Ganzen also mehr als verdoppelt. Aber – und hier setzen die Schwierigkeiten aller Rechenübungen in Israel ein – 163 Schekel, also der Gegenwert für einen Liter Super, waren Anfang September noch 1,40 Mark wert, 346 Schekel, der Preis für denselben Liter Super Ende Oktober, entspricht etwa 2,15 Mark. Inzwischen war nämlich der Schekel um gut vierzig Prozent abgewertet worden. In "richtigem" Geld berechnet, also in Dollar, D-Mark oder Schweizer Franken, war der Treibstoff "nur" um die Hälfte teurer geworden.

So können freilich in Israel nur diejenigen rechnen, die ihr Einkommen aus dem Ausland beziehen: Empfänger deutscher Renten, Auslandskorrespondenten, Angehörige von Botschaften und internationalen Organisationen. Für den normalen Israeli hatte sich der Benzinpreis tatsächlich verdoppelt, da die Lohn- und Gehaltsempfänger erst Ende Oktober den Inflationszuschlag für den Monat September ausgezahlt bekamen, der allerdings durch den Preisanstieg im Monat Oktober (geschätzt: über zwanzig Prozent) schon wieder aufgezehrt war.

Die wirtschaftliche Lage Israels mit ihren unvermeidlichen Folgen für den einzelnen Gehaltsempfänger und Verbraucher ist kaum richtig und anschaulich zu beschreiben. Wer sich bei vier bis fünf Prozent jährlicher Inflation bereits Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung macht und um sein Erspartes bangt, kann sich ein Leben mit über zwanzig Prozent monatlicher Inflation überhaupt nicht vorstellen. Sie führt zu dieser seltsamen Mischung aus Katastrophenstimmung gepaart mit überlegter Sachlichkeit, die einen noch mal volltanken läßt, bevor der Benzinpreis wieder steigt.

Konsens der Unwissenheit