Saubere, kleine Häuser, niedrige Streifen dünnstämmiger Wälder, frischgepflügte Felder und klare Luft: Das ist die belgische Landschaft in vielen von Bruegels hintergründigen Genrebildern. Schmale Streifen schweren, dunklen Landes vor tiefgezogenen, düster verhangenen Himmeln, so sieht Belgien in Constant Permekes Gemälden aus. Die Apokalypse beschwor im 15. Jahrhundert Hieronymus Bosch in seinen Altargemälden herauf, und in unserem Jahrhundert malte James Ensor gespenstische Schreckensvisionen, die ihn, eingezwängt im kleinbürgerlichen Milieu der Provinzstadt Ostende, peinigten. Das ist die eine Seite. Aber dann gibt es auch diese andere: Für die reichen Patrizierstädte Gent und Brügge schufen die Gebrüder van Eyck in der Renaissance kostbarste Altäre, gemalt in Ölfarbe, einer damals neuen Technik, die präziseste Wiedergabe der luxuriösen Brokat- und Samtstoffe, der Perlen und Ledertapeten ermöglichte. Und im Barock türmte Rubens auf Andachtstafeln gewaltige schwellende Leiber mit kleinen süßen Frauengesichtern.

Belgien, dieses kleine Land mit einer Königin, die ihren Untertanen herzlich die Hand schüttelt, mit Restaurants, die den Franzosen den Preis der besten Küche streitig machen, mit dem Hauptsitz der Nato und der Europäischen Union in Brüssel: Dieses kleine Belgien besitzt auch eine der schönsten Sammlungen alter und moderner Kunst Europas.

Das Museum für moderne Kunst war seit Jahrzehnten ein Streitfall für die Belgien. Wo sollte es gebaut werden? Im Zentrum der Hauptstadt oder außerhalb? Ober- oder unterirdisch? Als Teil der bestehenden königlichen Sammlungen oder als selbständiger Komplex? Denkmalpfleger bangten um abrißgefährdete alte Bausubstanz, Kunsthistoriker stritten über die Präsentation von Kunst, Stadtplaner fürchteten für die wirtschaftliche Infrastruktur im Zentrum Brüssels, Politiker ließen sich für die verschiedenen Interessen gewinnen. Endlich wurde 1969 der Wiederaufbau beschlossen, 1973 wurde ein Entwurf für einen unterirdischen Bau auf dem Kunstberg direkt neben den alten königlichen Sammlungen vorgelegt, nach erneutem Gerangel wurde schließlich 1978 die Baugenehmigung erteilt und der Bau begonnen. Jetzt gräbt sich das "Musée d’Art Moderne" über drei Etagen mit sieben Zwischengeschossen in die Tiefe des Place du Musée. Ein mächtiger halbkreisförmiger Lichtschacht läßt auf zwei dieser unterirdischen Ebenen noch Tageslicht eindringen. Die dritte Ebene verharrt im künstlichen Licht der Neonröhren.

Der Besucher beginnt seinen langsamen Abstieg bei der Kunst der Jahrhundertwende mit James Ensor. Gerade in diesem Museumskomplex, wo alte und moderne Malerei ineinander übergehen, wird deutlich, wie dieser Einzelgänger doch niederländischen Traditionen verpflichtet ist. "Der Rochen" (1892), dieses surrealistisch-impressionistische Meisterstück, es erinnert an so manches saftige barocke Markt- und Küchenstilleben. Der Weg führt weiter vorbei an Beispielen des Impressionismus und Expressionismus, der Fauves und Nabis, vorbei an einzelnen Werken von Seurat, Signac, Gauguin, Vuillard oder Rouault zu den kleinen Sammlungen bei uns so gut wie unbekannter, großer belgischer Maler: Spillaert, Wouters und Tytgat und mündet schließlich in einem, von oben einsehbaren letzten (oder ersten) Raum. Hier können sich die angestrengten Augen entspannen. Zwei großflächige Bilder von Matisse mit scherenschnittartigen Meeresmotiven, dekorativ in sanftem Farbkontrast gemalt, geben dem Besucher seine Muße zurück.

Weiter auf dem Marsch in die Tiefe gelangt der Kunstreisende in der zweiten unterirdischen Ebene zu Permeke und Magritte, zwei der berühmtesten Belgier: der eine eher ein Nationalkünstler, der andere weit über die Landesgrenzen hinaus neben Monet und Renoir einer der beliebtesten Motiv-Lieferanten für Kunstkalender und Poster. Diese zweite Ebene ist auch ein "Parcours" von den Künstlern aus Laethem-Saint-Martin bis hin zu den Surrealisten. In Laethem-Saint-Martin, einer belgischen Künstlerkolonie, lebten und arbeiteten um die Jahrhundertwende und zwischen den Kriegen ähnlich wie in Barbizon oder Worpswede Künstler abseits der Akademien und großen Städte zusammen. Noch heute halten in dieser Provinz kleine Privat- und Künstlermuseen die Tradition aufrecht. Im letzten vom Lichtschacht gespendeten Tageslicht badet sich am Ende dieses Rundgangs Delvaux’ "La voix publique", bevor es weiter hinab in den dunkelsten Teil des Museumsimperiums geht.

Hier in der dritten Ebene unter schweren Betondecken ist die gegenwärtige, die aktuelle Kunst verwahrt: Ungegenständliche Arbeiten von Hartung hängen hier in der Nachbarschaft morbider Werke Landuyts, Francis Bacons "Papst mit Eulen" weist hin auf die Gemälde Jan Cox’, des 1980 einundsechzigjährig verstorbenen belgischen "Wilden". "L’Art Moderne Beige Est Mort". Das Konzept des unterirdischen Bunkermuseums hat scharfe Kritiker in Belgien, Kritiker, die wünschen, daß ihre Kunst Teiles lebendigen alltäglichen Lebens sein soll und nicht schon vorzeiten bombensicher verwahrtes Relikt abendländischer Zivilisation. Sie ist schon etwas gespenstisch, diese abgeschiedene Weihestätte moderner Kunst, ein Museum, das man nicht sieht, ein im Verborgenen liegender Versammlungsort gerade der belgischen Gegenwartskunst, die ohnehin zu wenig beachtet wird.

Ein seltsames Gewicht bekommt in diesem Museum Magrittes berühmtes Gemälde "L’empire des lumieres" (1954), die surrealistische Wiedergabe eines hell angestrahlten weißen Hauses vor dunklem Hintergrund, über – so meint der Besucher jetzt zu ahnen – unermeßlichen Tiefen: eine Vision, die oben auf dem Place Royal Wirklichkeit geworden zu sein scheint. Hier steht als Zugang zu der Sammlung in der Tiefe das vollständig entkernte alte Hotel Altenloh (früher ein Juweliergeschäft), blendend weiß gestrichen, mit einer neuen vierten Fassade und neuer Innenstruktur versehen. Von diesem Haus mit seinen für Wechselausstellungen bereitstehenden Räumen führt ein Gang unter der Rue du Musée zu den versunkenen Bildersälen der Moderne. Trotzdem, bedrückend ist die unterirdische Architektur wirklich nicht. Die Räume sind weitläufig und großzügig angelegt (glücklicherweise mit zahlreichen Sitzgelegenheiten auf den langen Wanderstrecken), gegliedert in höher und tiefer liegende Passagen.