Von Karl-Heinz Janßen

Hamburg

Die drei ersten Zeugen im Betrugsprozeß um die vermeintlichen Hitler-Tagebücher haben eines gemein: Sie alle waren, noch vor dem mitangeklagten stern-Reporter Gerd Heidemann, auf den Stuttgarter Handschriften- und Bilderfälscher Konrad Kujau hereingefallen. So wie der stern mit Kujaus Werken den größten Coup in der Zeitungsgeschichte landen wollte, so ließ auch diese drei der Ehrgeiz, Einzigartiges zu vollbringen, in die Falle tapsen: Fritz Stiefel, den Großkaufmann aus Waiblingen, der die größte Privatsammlung an Hitler-Autographen sein eigen nannte; August Priesack, den ehemaligen Nazi-Funktionär aus München und Gymnasialprofessor im Ruhestand, der als Sachverständiger für Hitler-Handschriften und -Gemälde Weltautorenruhm zu ernten gedachte; Eberhard Jäckel, den Professor und Zeithistoriker aus Stuttgart, der seine Edition von Aufzeichnungen aus Hitlers frühen Jahren unbedingt um den scheinbar ergiebigsten Bestand aus Privatbesitz vervollständigen wollte.

"Wir sind heute alle klüger", ermuntert Gerichtsvorsitzender Hans-Ulrich Schroeder die Zeugen mit freundlichem Lächeln zur Aussage. Diese menschliche Erfahrung enthebt Verteidiger, Staatsanwälte und Gericht allerdings nicht der Pflicht, die Zeugen in ein manchmal hochnotpeinliches Verhör zu nehmen. Alle drei sitzen verkrampft da, wägen ihre Worte genau, halten sich in ihren Schilderungen zurück. Man sieht ihnen an, wie anstrengend es ist, den guten Ruf zu wahren: Denn hier stehen die Korrektheit des Kaufmanns, der Nimbus des Experten, die Reputation des Wissenschaftlers auf dem Spiel.

Arbeitgeber Stiefel, der als Industrievertreter zu Geld kam und es in Militaria angelegt hat, windet sich, wenn er nach Zahlen gefragt wird: "Bedenken Sie doch, Herr Vorsitzender, Arbeitsplätze sind in Gefahr." Ihn stört es, daß sein Name durch die Presse gezerrt wurde, nicht nur des Finanzamts wegen, sondern auch, weil man ihn zum SS-Mann stempelte (er hat es nur bis zum Hitlerjungen gebracht, und den sieht man ihm noch an). Über seine Investitionen in Kujaus Fälschungen raunt man sich Wunderdinge zu, doch als Heidemanns Verteidiger von ihm wissen wollen, ob sich seine Ausgaben mehr der Zwei- oder der Ein-Millionen-Grenze genähert hätten, entfährt es ihm: "Da würde ich laut lachen." Geschäftspartner Kujau lacht laut mit. Vor der Kriminalpolizei hatte Stiefel seinerzeit diese Militaria-Geschäfte. auf 350 000 Mark oder mehr geschätzt. Nachdem er aber zu Hause alles noch einmal durchgerechnet hat, soll es viel weniger gewesen sein. Er wird nicht müde zu beteuern, zu welch niedrigen Preisen Kujau ihm seine Sachen überlassen habe.

Am meisten verblüfft die Zuhörer, daß Stiefel, kein bißchen verärgert, Kujau nach wie vor als "Freund" und "Kamerad" behandelt. Er zollt ihm sogar Anerkennung für die Fälscherarbeit ("Das hast du schon clever gemacht"), und macht aus der Not des Betrogenen eine Tugend: "Ich habe eine der größten Falschersammlungen, und das ist ja auch was wert."

Nun ja, gewisse Zweifel hatte er immer, aber da kamen dann Experten wie die Professoren Jäckel und Priesack, die zwar auch zweifelten, aber eben doch nicht genügend. Stiefel ließ sich von seinem Duzfreund "Connie" nicht nur "kiloweise" falsche Hitler-Schriften, sondern auch Hitlers Frack, Zylinder und Stahlhelm andrehen. Als Echtheitsbeweis, selbst für eine Leonardo-(Kujau-)Skizze, leichten ihm ein paar vergilbte Bogen mit dem Briefkopf "Reichsleitung der NSDAP" und die Auskunft, diese Sachen kämen "von drüben", von hohen Verwandten des "Herrn Fischer".