Von Julius H. Schoeps

Vielleicht werden gerade in diesem Augenblick an irgendeinem Ort in der Bundesrepublik auf einem jüdischen Friedhof Grabsteine umgestürzt oder mit Hakenkreuzen oder "Juda verrecke"-Parolen beschmiert.

Eine Untersuchung, die zwei junge Sozialwissenschaftler (Rainald Becker/Alexander W. Vennekel) im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Religion und Geschichte des Judentums" an der Universität Duisburg vorgelegt haben, hat ermittelt, daß sich Jahr für Jahr zwei Hauptzeiten für die Schändung jüdischer Friedhöfe ausmachen lassen – das Frühjahr und der Spätherbst. Die beiden Sozialwissenschaftler, die sich um eine Erklärung für dieses Phänomen bemühten, vermuten, daß die Schändungen im Zusammenhang stehen im Frühjahr mit dem christlichen Osterfest und im Spätherbst mit dem Jahrestag des 9. Novemberpogroms 1938 (der sogenannten Kristallnacht), aber auch mit dem ohnehin im Bewußtsein der Bevölkerung im November besonders präsenten Totenkult.

Die Zahl der Schändungen jüdischer Friedhöfe, die in den letzten Jahren eine zunehmende Tendenz hat, ist besorgniserregend. Für den Zeitraum von 1945 bis 1982 hat der Frankfurter Historiker Adolf Diamant ("Geschändete jüdische Friedhöfe in Deutschland 1945-80"; Frankfurt a. M. 1982) 598 Schändungsfälle ermittelt. Daß darüber hinaus noch eine Dunkelziffer existiert, von Fällen, die nicht an die Öffentlichkeit gedrungen sind, kann angenommen werden.

Leider liegt von offiziellen Stellen nur unzureichendes statistisches Material vor. Immerhin können die Zahlen zu einer kriminologischen Analyse herangezogen werden, die 1966 im Bundeskriminalamt angefertigt wurde. Damals wurden für die Zeit von 1948 bis zum 1. April 1966 insgesamt 857 Friedhofsschändungen festgestellt, davon mindestens 300 Schändungen jüdischer Friedhöfe. In der seinerzeit stark beachteten Mitteilung des Bundesinnenministeriums hieß es, der Anteil der geschändeten jüdischen Friedhöfe – auf die absolute Zahl der Friedhöfe überhaupt bezogen – sei "erschreckend hoch".

Mutwillige Schändungen jüdischer Friedhöfe sind nichts Neues. Bereits im Mittelalter hat es solche gegeben. Bei der Vertreibung der Juden aus Rothenburg o. T. (1298), Speyer (1349), Augsburg (1439), Nürnberg (1489) sind die dortigen Friedhöfe gemäß der Devise "Sepulcra hostium religiosa nobis non sunt" (Die Gräber der Feinde verdienen von unserer Seite keine Ehrfurcht) zerstört und jüdische Grabsteine zu Bauzwecken verwendet worden. Vielfach wurden sie zur Ausbesserung von Stadt- und Festungsmauern, zum Häuserbau, aber auch zum Bau von Kirchen verwendete Ein Stein zum Beispiel ist in einer Wendeltreppe der St. Lorenzkirche zu Nürnberg gefunden worden – ein Hinweis mehr darauf, daß religiöse Vorurteile eine Rolle spielten, daß die Vorstellung weit verbreitet war, das Christentum sei das neue Israel und die Kirche müsse – in einer doppelten Bedeutung des Wortes – auf dem Judentum aufbauen.

Andererseits haben im Mittelalter weltliche und geistliche Obrigkeiten sich veranlaßt gesehen, besondere Verordnungen zu erlassen, in denen jüdische Friedhöfe unter Schutz gestellt und ihre Zerstörung unter Strafandrohung verboten wurden. So sprachen sich im 12. Jahrhundert eine Reihe von Päpsten in besonderen Schutzbullen für den Schutz jüdischer Friedhöfe aus. Die Strafen wegen Zuwiderhandlung konnten erheblich sein, von der Vermögenskonfiskation bis hin zur Verurteilung zum Tod.