Zu nationalistisch geschürten Fehden zwischen Deutschen und Polen kam es erstmals während der Reformation. Damals wiegelten Geistliche ihre jeweiligen Landsleute im polnischen Vielvölkerstaat mit der Parole „Deutscher – Protestant, Pole – Katholik“ gegeneinander auf. Dem Glaubensstreit folgten nationale Vorurteile, publizistische Schmähungen, haßerfüllte Kämpfe um verwickelte Rechtspositionen und eine Feindschaft, die unermeßliches Leid über beide Völker brachte. Das Auf und Ab der deutsch-polnischen Nachbarschaft zu schildern, unternimmt:

Alfred Schickel: „Deutsche und Polen. Ein Jahrtausend gemeinsamer Geschichte“; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1984; 288 S., 39,80 DM.

Alfred Schickels Herz schlägt deutsch. Das ist nicht nur verständlich bei einem Autor, der aus dem Sudetenland stammt, sondern auch völlig legitim, solange man der historischen Wahrheit, die der Verfasser für sich reklamiert, verpflichtet bleibt. Der überwiegende Teil des Buches wird diesem Anspruch gerecht. Freilich, so mag man zum Beispiel einwenden, Bismarck fand für die Polen gelegentlich auch deftigere Worte als jene, die Schickel anführt. Und befremdlich wirkt es, die heute in Polen lebenden Deutschen ständig als „Volksdeutsche“ apostrophiert zu sehen. Alle polnischen Namen sind derart strikt eingedeutscht, daß selbst „Wladyslaw“ Gomulka sich in einen „Ladislaus“ verwandeln muß. Doch die Geschichte vom deutsch-polnischen Miteinander und Gegeneinander durch die Jahrhunderte hindurch ist flüssig und mit Sorgfalt erzählt.

Ein Abschnitt allerdings fällt aus der ansonsten sparsam kommentierten Darstellung in unangenehmer Weise heraus. Daß es sich dabei ausgerechnet um die Kapitel über den Zweiten Weltkrieg handelt, ist um so ärgerlicher, als diese Zeit das gegenwärtige Verhältnis weit mehr belastet als die Schlachten mit den Kreuzrittern oder die preußisch-deutsche Fremdherrschaft in Polen im 19. Jahrhundert.

Ebenso wie bestimmte Kreise hierzulande prangert auch Schickel, anstatt die geschichtlichen Zusammenhänge in den Vordergrund zu rücken, allzu einseitig das „Vertreibungsverbrechen“, wie er es nennt, an. Zwar stellt er weder die nationalsozialistischen Untaten noch die heutige Grenzregelung in Frage. Doch bereits bei der Vorgeschichte des Krieges verringert er das deutsche Unrecht durch entsprechende Auslassungen und pointiert statt dessen das Schuldigwerden der übrigen Beteiligten.

So bleibt kein Fehler der polnischen Regierung in der Außenpolitik und im Umgang mit den Minderheiten in ihrem Lande unerwähnt. Auch die zaudernde Haltung der Großmächte findet viel Beachtung. Die expansiven und menschenverachtenden Ziele des Hitlerreiches jedoch, das eben nicht nur mit Polen um Danzig, den Korridor und die Lage der Deutschen im Weichselland stritt, sondern auf einen Krieg hinarbeitete, um „Lebensraum im Osten“ zu gewinnen, fallen bei Schickel unter den Tisch.

Breiter Raum ist dem Antisemitismus der Polen zwischen den Kriegen gewidmet, dem Aufstand der Juden im Warschauer Getto 1943 indes kein Wort. Der Zweite Weltkrieg kostete insgesamt etwa sechs Millionen polnischen Staatsbürgern das Leben; 38 Prozent des polnischen Nationalvermögens wurden in jener Zeit zerstört, nicht zuletzt durch den Befehl zur „verbrannten Erde“. Diesen Begriff und die Zahlen, die in Polen jedes Kind kennt, enthält Schickel dem Leser ebenfalls vor.

Nun lassen sich die Opfer, die ein Krieg von der Zivilbevölkerung fordert, niemals genau errechnen. Den Autor aber interessieren derartige Probleme gar nicht. Denn auf der anderen Seite berichtet er kommentarlos, daß „exilpolnische Experten die Gesamtverluste ihres Volkes, für die die Sowjets die Verantwortung tragen, auf rund eine Dreiviertelmillion Menschen“ schätzen. Auch die von ihm angeführte „Ermordung von über zwei Millionen deutschen Vertriebenen“ ist immerhin eine – wenn auch umstrittene – Zahl; sie aber belastet wiederum die Gegenseite.

Den Großmächten schließlich hält Schickel vor, daß sie die polnischen Erklärungen, die die Ausweisung der Deutschen aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen historisch und moralisch rechtfertigen sollten, ernst nahmen. Das große Blutopfer ihres Volkes unter der deutschen Besatzung habe die Warschauer Regierung nämlich „niemals nachgewiesen“. Vielmehr habe sie „bei ihren bevölkerungsstaatlichen Verluste-Additionen auch die von ihr vertriebenen Ostdeutschen als polnische Opfer“ gezählt und sei „so auf die von ihr verbreiteten Millionenzahlen“ gekommen.

Gewiß, fast alle Polen sind Patrioten. Ihr lebendiges Nationalbewußtsein, das ihnen überaus schwere Zeiten zu überstehen half, speist sich aus mancherlei frommen Legenden. Daß sie Gebiete, deren staatliche Zugehörigkeit im letzten Jahrtausend mehrmals wechselte, heute einfach als „urpolnische“ Territorien ausgeben, empfindet nicht nur Schickel als Geschichtsklitterung. Ihre Vaterlandsliebe machte sich im Krieg nicht immer nur in verbalen Ausbrüchen Luft. Jeder Landsmann indes, der für die polnische Sache fiel, ist ihnen ein doppeltes Vermächtnis.

Das alles jedoch darf kein Grund sein, um – wie Alfred Schickel es versucht – Ursache und Wirkung zu verwechseln und eine einseitige Verlustbilanz aufzustellen. In der wiederaufgeflammten Debatte um die „offene deutsche Frage“ stellt sein Buch keinen nützlichen Beitrag dar.

Lisaweta von Zitzewitz