Von Wilfried Schwedler

Jahrelang hat mich Herr Campill verunsichert. Eigentlich heißt er anders, aber unter seinem richtigen Namen möchte ich lieber nicht von ihm berichten. Er würde mir das nie verzeihen, weil er die Öffentlichkeit scheut. Außerdem kannten ihn zu viele Leute in der Bank, wo er, drei Glaskästen von mir entfernt, als Kreditberater arbeitete.

Herr Campill hatte mich also lange Zeit verunsichert – in meinem Lebensgefühl. Doch der Reihe nach. Über zehn Jahre lang mußte ich auf die Erfüllung meines größten Wunschtraumes warten. Dann endlich erhielt ich einen Arbeitsplatz in München und damit ein Heimatrecht in diesem Mekka barocker Daseinsfreude. Ich stamme nämlich aus Niedersachsen, aber inzwischen bin ich hier echt etabliert, meine Familie ebenso. Wir wissen, wo in der City die urigsten Kneipen zu finden sind, unser Abonnement für die Operette wird regelmäßig verlängert, am Starnberger See konnte ich sogar eine Boie für unseren vom Steinhuder Meer herübergeholten Drachen finden, und unser Goldjunge Karsten redet seit einigen Monaten kurioserweise echt bayerisch.

Herr Campill blickte mich immer eigenartig von der Seite an, wenn ich den Kollegen in der Kantine über unsere Fortschritte während der Eingewöhnungsphase erzählte. Auch im ersten Sommer zum Beispiel, als ich die Floßfahrt auf der Isar schilderte, mit Trachtenkapelle, sechzig feuchtfröhlichen Menschen drauf und zwanzig weiteren Flößen um uns herum. Die Faschingsbälle in Schwabing erwähnte ich in seiner Gegenwart lieber gar nicht mehr. Dazu hatte nämlich Herr Campill nach unserem ersten Ball eine Bemerkung geäußert, die ich mir hinterher erst von unserer bayerischen Wohnungsnachbarin übersetzen lassen mußte. "Wer’s mog, der mog’s" oder ähnliches hatte er zwischen den Zähnen zerquetscht. Und wenn wir Kollegen von der Kreditabteilung gemeinsam zum Oktoberfest zogen, war Herr Campill nie mit von der Partie; seine Gutscheine für Brathähnchen und Bier hatte er vorher an die Damen vom Schreibbüro verteilt.

Jahrelang wußte ich nicht, auf welche Weise Herr Campill die Wochenenden und seinen Urlaub verbrachte. Und das verunsicherte mich. War er etwa mit der bekannt hohen Lebensqualität unseres Bayernlandes noch besser vertraut und verheimlichte das? Oder lebte er einfach an München vorbei? Durch Zufall löste ich endlich das Rätsel. Im Herbst kehren wir gern im Biergarten von Andechs ein. An jenem Sonntag fanden wir keinen Platz mehr und mußten mit einer primitiven Dorfkneipe weiter im Hinterland vorliebnehmen. Dunghaufen neben dem Eingang, Fliegen im Gastzimmer, kein Sitzkomfort, und der Wirt sah so aus, als ob er gerade von der Feldarbeit gekommen wäre. In einer dämmerigen Ecke hockte Herr Campill. Als er mich sah, wollte er sich verdrücken. Aber ich nagelte ihn durch meine reaktionsschnelle Begrüßung an den Tisch. Es wurde ein langer Nachmittag. Und mein Kollege legte schließlich eine richtige Beichte ab, mit tränenerstickter Stimme, nach etlichen Schnäpsen und viel Bier.

Herr Campill ist auf der Flucht: vor mir und meinesgleichen. Seit etwa fünfzehn Jahren werde sein Lebensraum immer mehr eingeengt, sagt er. Überall dort, wo er sich früher wohlgefühlt habe, fielen heute die Fremden wie Heuschreckenschwärme ein. Wenigstens diesen Gasthof, seine letzte Zuflucht, solle ich bitte nicht verraten. Denn der Schweinebraten hier stamme noch von einer natürlich ernährten Bauernsau ab und nicht von einem hormonschwangeren EG-Monstrum; mit dem Wirt könne man sich in der eigenen Sprache unterhalten, und die Dorfbewohner kämen abends zum Schafskopf herein.

Und dann brach es stoßweise, wie bei einer Schmerzenslitanei, aus Herrn Campill hervor. Wo es früher genauso heimelig gewesen sei wie hier, werde man heute von radebrechenden Südländern in Trachtenjankern bedient; dünnes Bier aus Großbrauereien überall; Schnitzel mit Ananas und Pommes frites; Resopaltische und Kupferlaternen drüber.