Von Peter Roos

Der Elster Verlag legt seine ersten vier Bücher vor. Endlich ein neues Forum auf dem Lande, das Bücher macht, die mit der Region zu tun haben und darüber hinaus weisen: überregionale Regionalliteratur.

Die Verlegerin heißt Inge Elster. Dr. med., Arbeitsmedizin, freiberufliche Betriebsärztin und das, was man im Angelsächsischen "book-lover" nennt. Diese Leidenschaft teilt sie mit Hannes Elster, ihrem Mann, Redakteur für Wirtschaft und Sozialpolitik beim SWF, von Hause aus Jurist und Germanist "mit dem Hausfrauenexamen M. A. (Magister)". Beide also mit "einem geradezu erotischen Verhältnis zu Büchern". Sie ist die Verlegerin, Eigentümerin, Geschäftsführerin der GmbH mit Stammkapital von 50 000 Mark, er Berater und erster Leser, sprich Lektor. Bücher wollten sie schon immer machen, und zwar die, die es noch nicht gab, die bislang niemand gemacht hat. Und dann kam der alte Zehnthof des Klosters Schwarzach dazu, gelegen in Moos bei Bühl bei Baden-Baden; das älteste Haus im Dorf; vor Jahren erworben, renoviert und bewohnbar gemacht. "Wir wollten etwas tun, das sich der Region verpflichtet fühlt. So wurde aus dem Bauern- das Verlagshaus." Dort wird gedacht, getüftelt und probiert, dort kommen die Autoren und Interessierte zusammen, auch Publikum. Verlagsschwerpunkte sind Regionales, vor allem aus Süddeutschland, daneben Literatur und Philosophie. Der Verlag selbst habe kein Programm, sagt Elster: "Jedes Buch hat sein Programm, der Verlag hat bloß den bescheidenen Grundsatz, diese Bücher angemessen herauszugeben." Denn: "Lesen ist etwas für Individualisten. Bücher unterscheiden sich nicht nur graduell von journalistischen Arbeiten", sagt der Rundfunkmann. Das heißt: "Redliche Herstellung, redliche Aufmachung, schön und preiswert".

Die Elster-Literatur ist – schon – sehenswert.

  • "Juden im Elsaß", photographiert, dokumentiert und verfaßt von Paul Assall (siehe auch ZEIT Nr. 40 vom 28. 9. 1984). Der Autor hat sich auf Spurensuche begeben, fuhr über Jahre hinweg ins Elsaß, mit natürlicher und historischer Neugierde, mit archäologischem Spürsinn und zeitgeschichtlicher Wachheit. Er sprach mit Juden und Jüdinnen, sammelte Eindrücke und Dokumente, hielt fest, was zu verfallen droht, Synagogen und Friedhöfe, Häuser und Ambiente. Assalls Geschichtsschreibung ist nicht blasse Historiographie, sondern Lebendigkeit und Geschichten-Erzählen, aus dem sich wie von selbst herstellt, was Historie genannt werden kann. Die zahlreichen Bilder berichten mit.
  • Gleiches gilt für Otto Jägersberg, den Schriftsteller und Fernseh-Filmemacher, der schon immer ein Faible für den wilden Psychosomatiker, Arzt und Schriftsteller Georg Groddeck hatte. Baden-Baden als Wohnsitz ist das wenigste, was die beiden gemeinsam haben. Ein Buch ist entstanden in strengem weißen Gewand, englische Broschur, 200 Seiten, 35 Abbildungen und unerhörte Neuigkeiten. Baden-Baden als Standort der Klinik, als Ausgangspunkt der Recherche: Jägersberg entdeckt die bisher unveröffentlichten Erinnerungen der Wirtschaftsleiterin Groddecks, des weltberühmten "Es"-Deuters. Es listet Groddecks soziales Engagement bei Konsumverein und Baugenossenschaft auf, schildert den Arzt und dessen Methoden und druckt Unbekanntes ab in seinem "Entdeckungsbuch", das mehr Wissen und Gespür für den Fall Groddeck verrät als manche wissenschaftliche Arbeit.

Hier wird begreiflich, was die Elsters mit "Regionalem" meinen: ein Problem dingfest gemacht in einem genau gekannten, bezeichneten Punkt, aber mit weltweiter Bedeutung.

Vom Beginn des nächsten Jahres an werden auch Vertreter des Elster Verlages unterwegs sein ("Die hatten wir bei all der Büchermacherlust glatt vergessen!"). Zwölf bis fünfzehn Bücher werden dann über die Auslieferung von Koch, Neff & Oetinger zu haben sein, etwa ein Buch über Ernst Bloch, eine mehrbändige Edition über die Revolution von 1848, 16 Fortsetzungsbände der Kriminalromane von Leo Mallet in bibliophiler Ausstattung, eine "Festschrift" für "Freund" Franz Josef Strauß und Gedichte von Martina Grote.