Gerhard Roths Roman "Landläufiger Tod" und "Dorfchronik" zu diesem Buch

Von Fritz J. Raddatz

Die Freude, die uns ein Künstler gewährt, besteht darin, daß er uns eine Welt außerhalb der unsrigen zugänglich macht. Marcel Proust

Gerhard Roth ist einer der wichtigen Autoren unserer zeitgenössischen Literatur; die Romane "Der Stille Ozean" und "Winterreise" des zweiundvierzigjährigen österreichischen Romanciers, der 1983 den von Günter Grass gestifteten Döblin-Preis erhielt, fanden zu Recht Beachtung und lösten auch allerlei Debatten aus. Wenn sein neuer Roman, den der Verlag etwas peinlich großmäulig als "einen Höhepunkt seiner Erzählkunst" anpreist, hier viele kritische Einwände provoziert, dann sei vorweg gesagt: Wir haben es mit einem ungewöhnlich begabten, formvernarrten Schriftsteller zu tun. Die Einwände, sozusagen, lohnen sich.

Diese knapp 800 Seiten Prosa stellen den Leser zuerst einmal vor die (komplizierte) Aufgabe, seine kritischen Standards zu überprüfen; eine mögliche Veränderung der Romankunst will bedacht sein: Das Auflösen kontinuierlicher Erzählstrukturen in schillernde, sich jeder Logik verweigernde Einzel-Teile. Die gewohnte – erprobte? – Haltung des "Ich erzähl dir was" ist verabschiedet zugunsten eines epischen Kreuzworträtsels "Rate mal". Der klassische "Held" – ob Wilhelm Meister, Grüner Heinrich oder Oskar Matzerath – ist vom Platze verwiesen. An seine Stelle ist, wie die somnambule Puppe Ophelia, eine Verkleidungen, Verpuppungen, Verlarvungen akzeptierende Figur getreten, die gleichsam beliebig beleuchtet, zum Plappern und zum Schweigen gebracht, auch in die Kulisse zurückgefahren wird; das kann Mann und Frau und Tier und Dämon, schwimmend, fliegend, brennend – tot und lebendig sein. Demiurgen statt Protagonisten? Die dringlichste Frage vor allem: hat der Autor (in der zeitgenössischen Literatur) sich verabschiedet?

Da trifft es sich gut und ist gewiß kein Zufall, daß die Neue Zürcher Zeitung kürzlich eine hervorragend redigierte Beilage gänzlich diesem Thema widmete: Autor und Autorschaft. Das Wort Autor birgt ja den Begriff auctor: "Entdecker", "Mehrer" (von Glaubwürdigkeit). Darin steckt auch "auctoritas", was man – grob – nicht nur mit Autorität, sondern auch mit Lehrer übersetzen darf. Tritt der heutige Autor diesem Begriff, also der eigenen Autorschaft, fremd gegenüber?

Einer der "Väter" der modernen österreichischen Literatur, Oswald Wiener, hat diese Entfernung (von) jeder Gewißheit präzise formuliert: "Was mich betrifft, so ist es mir nicht sehr angenehm, einsehen zu müssen, daß die Situationen, in welchen ich einem bewußt erkannten Problem gegenüberstehe, in meinem Leben recht selten sind. Obgleich natürlich, unter einem pragmatischen Gesichtswinkel, mein ganzes Leben eine einzige Kette von Problemlösungen und Versuchen dazu ist, fixiere ich mich an ‚Probleme‘, die mir nur durch ein gewisses Unbehagen und durch wiederkehrende vage Bilder signalisiert werden. Meine Autorschaft besteht in erster Linie darin, solche Bilder zu stabilisieren, damit Abstraktion möglich werde: Auflösung von Stockungen unbewußt assemblierter Modelle, Deflation von Spannungen, die ich als Sinn empfinde."