Von Heinrich Breloer

Sommer 1978. Ein Augsburger Hotelzimmer hoch über der Stadt. Vor mir auf dem Fußboden liegen Photographien aus dem Leben Bertolt Brechts – Jugendbilder vor allem. Auf der Rückseite habe ich die Namen seiner Freundinnen und Freunde eingetragen, für einen Dokumentarfilm über das Leben des jungen Brecht. Die Geschichte, die ich wiederfinden will, spielte in Augsburg vor sechzig Jahren. Ich sehe auf die Photos: das offizielle Familienphoto das Klassenphoto, drei Freunde in einem Photostudio blicken auf den vierten Mann, Eugen Brecht. Eine Schülerliebe mit Florentinerhut und Primaner in Uniform. Ich blättere im Telephonbuch, und tatsächlich gibt es sie – fast – alle noch.

Dann der aufregende Moment, am anderen Ende der Leitung nimmt jemand den Hörer ab und der junge Mann mit der randlosen Brille aus dem Frühjahr 1917 vor mir auf dem Photo sagt: "Ja, hier Brecht." Man kann mit der Geschichte telephonieren. Als mir Professor Walter Brecht in Darmstadt die Tür öffnet, erkenne ich gleich hinter ihm oben auf dem Kleiderschrank im Flur eine dunkle Bronzebüste – der Andere, der Bruder ist auch da.

Der Professor klärt sofort die Situation. Niemals würde er ein Fernsehinterview geben. Das ist ein Prinzip. Und dann: "Mein Bruder im Himmel würde lachen, wenn er mich hier über ihn reden säh’!"

Sieben Jahre später stehen wir uns wieder gegenüber. Sommer 1984, diesmal in einem Allgäuer Ferienhaus. Walter Brecht erholt sich von einer schweren Operation. Er ist jetzt 84 Jahre alt. Und jetzt ist sein Erinnerungsbuch erschienen: Walter Brecht: "Unser Leben in Augsburg, damals."

Nun hat er doch über seinen Bruder gesprochen? Walter Brecht wurde 1931 in sehr jungen Jahren als Ordinarius an die Technische Hochschule Darmstadt berufen und dort mit der Leitung des Instituts für Papierfabrikation beauftragt. Es ist das einzige akademische Institut dieser Art in Deutschland. Vierzig Jahre hat er dort seine Pflicht erfüllt. "Nachdem diese vierzig Jahre vorbei waren", sagt Brecht, "da hab’ ich mir gedacht, ich könnte meiner Familie etwas dafür entgelten, wenn ich sie vielleicht etwas vernachlässigt habe, daß ich solche Dinge aus früheren Zeiten aufschreibe. Das hab’ ich dann meiner Frau zu einem runden Geburtstag geschenkt. Das war der Anlaß. In keiner Weise gab es den Wunsch, damit auf den Markt zu gehen."

Soweit die Vorgeschichte. Wenn da nicht der Verleger Siegfried Unseld (Suhrkamp Verlag) wäre. Der sagte: "Gehen Sie nicht an meinem Verlag vorbei!" Und nun erlebt Walter Brecht etwas, das er sein Leben lang vermeiden wollte. Wird das Buch nicht mit falschen Erwartungen gelesen? Geheimnisse, Einzelheiten aus dem bürgerlichen Vorleben des großen B. B., berichtet vom einzig authentischen Augenzeugen, dem kleinen Bruder Walter. Natürlich gibt es auch "ihn" in diesem Buch: "Ich konnte nie etwas anderes tun, als ihn in diese Erinnerungen in soweit hineinzunehmen, als er eben in meinen Erinnerungen da ist."