Warum hat er nie das Buch geschrieben, das alle von ihm erwartet haben? Walter Brecht, energisch: "Ich habe mein eigenes Leben geführt... Ich betrachte mich nicht als Nebenprodukt, als einen Mann, der dazu da ist, über den anderen zu berichten."

Dreihundertachtzig wissenschaftliche Veröffentlichungen hat Walter Brecht verfaßt, er ist eine Autorität auf dem Gebiet der Papierproduktion. Da ist er seinem Vater gefolgt: Berthold Friedrich Brecht war der kaufmännische Leiter der Augsburger Papierfabrik Haindl.

Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. 1924 war Walter Brecht zur Ausbildung in Amerika. Wie immer brachte er von seinen Reisen Geschichten mit nach Haus. 1927 hat der Uhu eine dieser Erzählungen aus der Wildnis unter dem Titel "Der Wohltäter" veröffentlicht. Bertolt hat das organisiert. Er hat besseres über diese Jahre geschrieben: "Fünf unbescholtene Männer flechten einen Kranz." Walter Brecht schiebt mir das unveröffentlichte Manuskript über den Tisch. Eine Mordgeschichte unter Kaminbauern in New Jersey. Sehr lakonisch. Jezt also kehrt der Professor zu einer Begabung zurück, die ihm die Pflicht jahrzehntelang verboten hat.

Mit treffenden Anekdoten hat er in seinem Buch die bürgerliche Welt vor den Toren der Stadt Augsburg lebendig werden lassen. Neben den Eltern, Großeltern und Verwandten tauchen Freunde und Hausangestellte aus der Vergangenheit auf. Dabei sind klare Porträts und anmutige Geschichten gelungen. Es ist die eigene Geschichte, die im Vordergrund steht. Aber der Andere, der weltberühmte Autor, mischt sich als Figur immer wieder ein; so wie es in Augsburg war, damals.

In den Erinnerungen seines Bruders wird Bertolt Brecht selber Gegenstand der Darstellung: Ein Künstler mit dem radikalen Anspruch, seine Person gegen alle Widerstände zu bewahren und seine Vorstellung von Glück und Leben durchzusetzen. Es ist die Geschichte eines Bruders, der schon früh ganz deutlich anders ist als alle anderen Menschen seiner Umgebung, ein Bruder, der sich Jahr um Jahr mehr von der Familie entfernt. So sieht ihn Walter. Diese Geschichte einer Trennung wird niemals zu einem Brecht-Stück: keine Abrechnung. Die Erinnerungen Walters an seinen Bruder Eugen sind von einer liebevollen, brüderlichen Zuneigung und Bewunderung.

Deutlich wird, daß der ältere Bruder Eugen für alle, die damals mit ihm unter einem Dach leben mußten auch eine tägliche Prüfung und Anstrengung gewesen ist. Der Kinder-General Eugen Berthola gewinnt die Zimmerschlachten, er greift sich von den Dingen des Bruders, was ihm beliebt, er ist Chef des Puppentheaters, der Häuptling der frechen Brecht-Clique, die auf den Lech-Auen ihr Unwesen treibt.

"Eugen machte von dem Recht des Älteren ziemlich rücksichtslos Gebrauch" heißt es einmal: "Es war eine Haltung von oben herab ... Er gab sich gebieterisch überlegen ... Es konnte sogar zu Tätlichkeiten kommen. Zum Herauskehren dieser Überlegenheit gehörte es, uns häufig als die Dummen, die hoffnungslosen Idioten zu behandeln."