Als ich Walter Brecht diese Sätze vorlese, um etwas mehr über die schmerzhaften Begegnungen mit seinem Bruder zu erfahren, ist er erstaunt. "Es ist keine schmerzhafte Erinnerung! Wir lebten als Buben in zwei verschiedenen Sphären. Die schmerzhafte Unterlegenheit in geistiger Hinsicht gab es nicht. Seine Eigenart wurde von den Eltern manchmal als Schmerz empfunden." Nach einer kleinen Pause, sehr selbstbewußt: "Diese rettungslos verlorenen Idioten‘ – das war ja keine Kritik! Wenn jemand in eine Ausstellungshalle geht und sagt: "Ich weiß, daß ich jetzt in einen Bereich von Idioten komme’, dann ist das für mich keine Kritik. Das ist eine festbegründete Ansicht. Die Kritik – das käme dann erst im Einzelnen."

War es also eine generelle Ablehnung? Walter Brecht: "Es war eine allgemeine Festlegung des Unterschieds zwischen den Idioten und mir. Wie immer, wenn Walter Brecht in seinen Erinnerungen solche Härten notiert, stellt er auf die andere Seite die große Leistung seines Bruders, wägt ab und entschuldigt. Obwohl er damals ein "Ärgernis" war, "fremd ... unheimlich, sogar bedrohlich", hat man all das dem jungen Eugen Brecht zugestanden, weil die Menschen um ihn herum gespürt haben, daß jemand aus einem inneren Gesetz heraus lebt und handelt.

Hier wird noch einmal deutlich, wie viele glückliche Umstände dem jungen Brecht den Start in die Welt erleichtert haben. Getragen von der Liebe in seinem Elternhaus, umgeben von einem Freundeskreis, aus dem ihm schon früh Bewunderung und Anerkennung entgegenkam, konnte er schon früh den verwegenen Plan fassen, von der Bleichstraße aus die Welt aus den Angeln zu heben. Kein Kafkascher "Brief an den Vater" – die Auseinandersetzungen fanden direkt statt: am Mittagstisch, in der Schule, auf der Straße und wo immer es notwendig war.

Da gab es den großen Riß, der schon damals durch Deutschland ging und auch die Familie Brecht in zwei Lager teilte. Nach dem verlorenen Krieg in der Zeit der Münchener Räterepublik wird die Situation besonders dramatisch. Selbstverständlich steht Bertolt auf der Seite der Revolution.

Als das Bürgertum mit Hilfe der Weißen Garden die Revolution zerschlägt, schreibt Brechts Freund Caspar Neher unter dem 21. April 1919 in sein Tagebuch: "Prem kleidete sich heute um bei Bert und entkam." Walter Brecht über die Kämpfe in Augsburg: "Von Eugen sah ich wenig ... er hielt sich wohl bei seinen sich zur Flucht rüstenden spartakistischen Freunden auf." Erst später wird ihm erzählt, daß sein Bruder "einem der führenden Köpfe der Revolution, dem Kommunisten Georg Prem, zwei Nächte lang Unterschlupf geboten hatte".

Die Augsburger Jugend wird zum Kampf gegen die Spartakisten in München aufgerufen. Walter Brecht schließt sich diesem Freikorps an. "Handel und Industrie leisteten jede mögliche Beihilfe." Und dann passiert es. Walter steht nachts als Soldat auf den Münchener Straßen Wache. Nachdem am 2. Mai auch in München die Räteherrschaft niedergeschlagen war, gab es noch täglich Schüsse in den Straßen. In der Nacht vom 8. Mai stehen sich die Brüder nachts auf der Straße gegenüber. Kurz zuvor war ein Posten an dieser Stelle von einem Unbekannten erstochen worden. "Eugen zeigte sich vom Reiz der Situation beeindruckt", schreibt sein Bruder.

Ich möchte mehr über diese nächtliche Begegnung der Brüder Brecht im Bürgerkrieg wissen. Hatte der Andere auch eine Waffe? Lautes Gelächter: "Mein Bruder war nie an einem Ort, wo jemand erwischt worden ist. O nein – da kennen Sie ihn ganz schlecht! In großem Bogen ist er um diese Dinge herumgegangen. Er hat wohl unter schwersten Opfern sein Werk geschaffen, aber daß