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Er und der Andere

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er selber persönlich als Aufständischer, als Held irgendwo in Erscheinung getreten wäre, ist mir nicht bekannt."

Walter gehörte zu denjenigen, die München eroberten, ja sogar direkt auf der Suche nach Ernst Toller waren. Aber "persönlich haben Eugen und ich uns nicht als Feinde betrachtet", erklärt Walter Brecht. "Er stand selbstverständlich auf der anderen Seite und hatte es als schmerzlich empfunden, daß ich mit der Waffe ihm gegenüberstand." Und dann fügt er hinzu: "Er hatte Angst um mich in dieser Nacht."

Walter Brecht macht kein Hehl daraus, wie stark seine Bindung an die bürgerliche Welt ist. Damals war er bereit, "für das Vaterland" auch sein Leben zu opfern. Seine Tagebuchblätter sprechen von dieser Entschlossenheit. Nicht, daß es "süß und ehrenvoll" gewesen wäre, "fürs Vaterland zu sterben", aber weggelaufen wäre er niemals. Die Freiheit der Vernunft und Selbsterhaltung konnte sich nur der ältere Bruder herausnehmen. Ich versuche zu verstehen, warum sich jemand, dem so viel Vernunft in nächster Nähe vorgelebt wird, dennoch entschließt, sein Leben für diejenigen einzusetzen, die gerade im zurückliegenden Weltkrieg einen erfolglosen Anschlag auf sein Leben versucht haben. "Anschlag auf mein Leben?" Walter Brecht findet diese Formulierung für den Kriegsdienst mißverständlich. Ich erinnere an die vielen Toten des Ersten Weltkriegs. Wer hat das zu verantworten? Um ein Haar wäre auch Walter nicht mit dem Leben davon gekommen. Ganz deutlich spricht jetzt der Andere: Walter Brecht hört den Argumenten seines Bruders zu, er sieht mich nachdenklich an: "Das habe ich damals so nicht empfunden und empfinde es auch heute nicht so. Ich war immer der Meinung, daß es Jahrhunderte hindurch der heftigsten Kämpfe bedurft hatte, bis eine Welt zustande kam, die durch den Bürger eine Art von Recht und Gerechtigkeit" – und hier schränkt er ein: "Bitte, alles relativ gesehen" – "gewonnen hatte im Vergleich zu dem was vorher war. Und in diesem innerlich anständigen Bürgertum sehe ich einen Stand, der ehrenwert ist." So kam es schließlich dazu, daß sich die Brüder dann nachts auf der Straße gegenüberstehen. "Ich konnte nicht anders handeln. Ich war der Sohn eines Bürgers. Ich lebte in der bürgerlichen Welt, und dort lag meine Zukunft."

Als wir uns später über den Unterschied zwischen dem Leben eines Bürgers und Künstlers unterhalten, sagt Brecht lakonisch: "Ich habe immer mein Billett bezahlt, damit ich auf der anderen Seite des Vorhangs sein kann."