Von Helmut Schmidt

Das Europäische Währungssystem (EWS) existiert seit mehr als fünf Jahren. Die Ursprungsidee war nicht, ein europäisches System ein für allemal fester Wechselkurse zu schaffen; beabsichtigt war vielmehr:

  • die Wechselkurse zwischen den beteiligten Ländern so fest wie möglich zu halten, um sowohl die Geldwertstabilität als auch den innereuropäischen Handel und damit das Zusammenwachsen der EG zu fördern;
  • diejenigen Regierungen in die Pflicht zu nehmen, deren Währungs- und Finanzpolitik sie zwingt, bei den übrigen Staaten um eine Wechselkursanpassung (das heißt Aufwertung oder Abwertung) nacnzusuchen, um so die Konvergenz der verschiedenen Währungs- und Wirtschaftspolitiken und damit auch die Wirtschaftsintegration zu fördern,
  • stufenweise und allmählich durch den ECU eine einheitliche europäische Währung zu schaffen, die schlußendlich der weltwirtschaftlichen Bedeutung des Dollars (und des japanischen Yen) gleichkommen könnte.

Anfangs gab es Vorbehalte, vor allem in Frankfurt, Rom und aus gänzlich anderen Gründen auch in London. In Frankfurt und Rom konnten sie ausgeräumt werden. Nicht so in London; der Sterling ist faktisch nicht in das System einbezogen.

Fünf Jahre später lassen sich bemerkenswerte Ergebnisse, aber auch einige Defizite aufzeigen. Der Übergang in die zweite, die "institutionelle", Phase, der für 1981 vorgesehen war, gelang nicht. Die Hauptgründe dafür waren die weitreichenden Folgen des zweiten Ölpreisschocks von 1979/1980 auf die Weltwirtschaft und auf die Wirtschaft der europäischen Länder. Es gelang auch nicht, das britische Pfund am Interventionsmechanismus zu beteiligen, noch bis heute braucht die italienische Lira ein extra breites Schwankungsintervall.

Andererseits weist das Europäische Währungssystem auf einigen wichtigen Feldern erhebliche Fortschritte auf: Es überstand relativ unbeeinträchtigt den zweiten Ölpreisschock und dessen schlimme Auswirkungen auf die Weltwirtschaftskrise, als auch die wilden Richtungswechsel amerikanischer Währungs- und Finanzpolitik, als auch die sich daraus ergebenden Schwankungen der Dollar-Zinsen und des Dollar-Wechselkurses. Ab Ende 1980 versuchten die europäischen Staaten auf unterschiedliche Weise die Weltwirtschaftskrise zu bewältigen. Das EWS überstand auch dies. Obwohl in fünf Jahren nicht weniger als sieben Wechselkursanpassungen nötig waren, hat sich doch – alles in allem – das Europäische Währungssystem als starke Triebfeder für mehr europäische Gemeinsamkeit in der Finanz- und Währungspolitik herausgestellt. Der Plan Delors gibt hiervon beredt Zeugnis.

Wenn man sich die gegenwärtige ökonomische und politische Situation Europas vor Augen führt, so müssen die fünfjährigen Erfahrungen mit dem EWS zu engerer währungspolitischer Zusammenarbeit ermutigen. Die offizielle europäische Diskussion zwischen den Regierungen verharrt jedoch hauptsächlich bei Landwirtschaftsproblemen, Netto-Finanzbeiträgen einzelner Länder und bei kurzfristigen Finanzierungsaufgaben.