Falsch abphotographiert

ARD, Sonntag, 28. Oktober: "Blaubart", Fernsehspiel nach Max Frisch

Ein Mann erinnert sich: an den Gerichtssal, in dem er, angeklagt wegen Mordes, begangen an seiner ehemaligen Frau, einer Prostituierten, Juristen und Laien, Inquisitoren und Verteidigern Rede und Antwort stehen muß. Der Mann erinnert sich an den Freispruch mangels Beweisen und beschreibt die Versuche, mit deren Hilfe er mit dem kleinen Wörtchen unschuldig und dem großen Fragezeichen dahinter zu leben versucht. Er zählt auf, was ihm in solcher Lage (zeitweilig) hilft, was nicht hilft und was vielleicht helfen könnte.

Am Ende freilich ist das Billardspielen so wenig geeignet, die in immer tiefere Vergangenheitsschichten vorstoßenden Gedanken heilsam zu steuern wie das Wandern, Dösen, Reisen, Saufen, Schwitzen, Strampeln oder Autofahren. Der halbe Freispruch führt lediglich zu einem halbherzigen Lebensresümee, die halbgeleistete Trauerarbeit wiederum, folgerichtig, zu einem halben Selbstmord.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – das ist ein klägliches Männerleben an der Seite von sechs Ehegattinnen, eine Beinah-Verurteilung durch die Behörden, ein Schuldspruch in eigener Sache und ein Finale, das keins ist. Ein Herr Mittelmaß, alles in allem, der Blaubart, der es gleichwohl zu einer Person von Gewicht bringt, weil er in Max Frisch den idealen Analytiker fand: einen Schriftsteller, der diesen Schaad, Schritt für Schritt vom Sicheren ins Ungewisse, von der Realität in den Traum, von der Wirklichkeit in die Möglichkeit ausfahren läßt – und das nicht in vager Rede, sondern vom Leser genau zu rekonstruieren.

Das Zwei-Ebenen-Spiel, hier Schaad, der denkt, dort Schaad, über den nachgedacht wird, ist ebenso exakt konstruiert wie das Finale, in dem die Vergangenheit die Gegenwart eingeholt hat. Der Leser sieht sich also in keinem Augenblick an der Nase herumgeführt. Wenn der billardspielende Schaad sich erinnert, dann heißt es: "Ich höre wieder den Staatsanwalt" oder "Der Staatsanwalt ist wieder an der Reihe". Von der Gegenwart in die Vergangenheit (Gerichtsszenerie), vom Perfekt ins Plusquamperfekt (Kindheitserlebnisse), danach ins Imperfekt (die Vergangenheit, so das Fazit, dauert an, bleibt gegenwärtig): Dieses ständige Hin und Her wird durch Leitmotive, Markierungspunkte, die den Absprung verdeutlichen, und, zu stilisierender Wiederholung der Vorgänge, nützliche Schlüsselsätze erhellt: Das ist Corinne, Jutta, Gisela, das könnte Andrea sein, das ist Andrea.

Und dagegen nun der nach Frischs Blaubart gedrehte Film von Krysztof Zanussi – ein Trauerspiel, ja, mehr, ein Debakel! Alles wortgetreu übersetzt und mit schulmeisterlicher Pedanterie von einem Medium ins andere übertragen – und doch die Struktur der Novelle zerstört! Zerstört durch die Vertauschung der Aktions- und der Gedanken-Ebene: Während Frisch alles aufs Assoziieren nach dem Freispruch ankommt, das Damals also vom Jetzt aus konstituiert, legt der Regisseur das Gewicht aufs Gewesene, die plakative Schau vor Gericht, aus der dann, höchst seltsam, Dr. Schaad in irgendeine Zukunft hineinspringt, die ihn Billard spielen, meditieren und Schwäne füttern läßt.

Noch deutlicher gesagt: Was für Frisch Folie ist, die Gerichtsverhandlung, hat für Zanussi zentralen Charakter. Nicht der Denkende, sondern die Aktion steht für ihn im Mittelpunkt, so daß der reflektierende Schaad zur Fußnote des sich vor Gericht verteidigenden Angeklagten wird.

Falsch abphotographiert

Wo Frisch gliedert, ordnet und rückblendet, verheddert sich Zanussi in wirren Montagen und – da die Pointe verfehlt, das Zeitspiel nicht adäquat umgesetzt wird – absonderlichen Verknäuelungen, wo alles zu allem paßt und binnen kurzem nichts als Langeweile, Beliebigkeit, sinistre Wiederholung (ohne strukturierende Funktion) dominieren: immer wieder, Tiefsinn vorspiegelnd, das Umkreisen der Zeuginnen – da, schaut her, wie trefflich wir die Gattinnen besetzt haben!

Und dazu dann die Fülle der Kraßheiten (eine photographierte Nackte ist vielleicht doch etwas anderes als eine beschriebene Nudität), dazu, das Schlimmste, die Tautologien, wo das Gesagte sich, weil Wiederholung so schön ist, auch noch ins Bild gesetzt sah: "Ich sitze in der Sauna und dampfe" – gesagt, gezeigt! Stichwort Steingarten – prompt im Bild. Alles abgerufen, verdoppelt, vergröbert (und dafür ein Schlüsselsymbol, das Motiv Kreuz, und zerschlagen). "Zwei Fußballmannschaften als deine Bettgenossen" – wiederum gesagt und gezeigt: Ein Satz von Frisch, gefolgt von einem Bild des hinter dem Autor herrennenden, ihn aber dank mangelnder Eigenkonzeption niemals erreichenden Regisseurs.

Vermeintliche Werktreue, dies zeigte der Film, kann ein Ausdruck von Gedankenlosigkeit sein: Und wie reizvoll wäre es dabei gewesen, Denken und Sich-Erinnern und das Ankämpfen gegen ein übermächtiges Gestern ins Bild umzusetzen. Der Fall Schaad als Parabel der Schuld, die nicht gesühnt werden kann – vertan. Ein Kunstwerk wird abphotographiert – und auch das noch falsch, da die sachkundige, medienspezifische Einstellung fehlte.

Max Frisch, der eine Sekunde – warum bleibt unerfindlich – ins Bild kam, sah melancholisch drein. Melancholisch und gleichgültig, und er tat gut daran.

Momos