Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

Die Bilder sind noch in Erinnerung, wie das Notaufnahmelager Gießen plötzlich überquoll. Im Frühjahr hatten die Schlagzeilen immer wieder über die Landsleute berichtet, die gleichsam über Nacht und sonder Zahl aus der DDR kamen, nicht als "Sperrbrecher", sondern mit der Genehmigung ihrer Behörden. Während sich sonst binnen eines Quartals bestenfalls dreitausend legale Übersiedler einstellten, so wurden allein von Februar bis Mai dieses Jahres rund fünfundzwanzigtausend DDR-Bürger gezählt. Die Regierung des anderen deutschen Staats hatte die Schleusen ganz unerwartet weit geöffnet.

Inzwischen ist die Ausreisewelle wieder auf das Normalmaß abgeebbt, und von den vielen Landsleuten, die plötzlich vor der Tür standen, spricht so gut wie niemand mehr. Sind sie in der bundesdeutschen Gesellschaft gleichsam aufgegangen? Das wird für den Einzelfall wohl gelten können. Aber was die Ausreisewelle selber betrifft, als Probe auf den deutsch-deutschen Zusammenhalt, so sind die Ergebnisse dreier Untersuchungen, die das Münchner Infratest-Institut und Professor Volker Ronge von der Bergischen Universität in Wuppertal während der Übersiedlungsaktion angestellt haben, eher bedrückend. Den vorsichtigen Hoffnungen der Neubürger stand viel Mißtrauen der Eingesessenen gegenüber.

Infratest kann sich zum einen auf die in Fragebögen enthaltenen Angaben von 419, Ronge im Rahmen der gleichen Recherche auf die Antworten von 522 Übersiedlern stützen; die Differenz erklärt sich aus unterschiedlichen Auswertungszeitpunkten. Zum anderen hat Infratest im Frühjahr zweitausend Bundesbürger über ihre Einstellung zur Übersiedlerwelle befragt. Ist diese Erhebung repräsentativ, so gebietet bei den DDR-Bürgern schon deren geringe Zahl Zurückhaltung.

Und natürlich können ihre Antworten und Angaben nicht für die gesamte DDR-Bevölkerung kennzeichnend sein; bereits die Hartnäckigkeit, mit der viele ihre Ausreise betrieben haben, macht sie zu einer besonderen Gruppe. Auch in rein soziologischen Daten (zum Beispiel waren vier von fünf befragten Übersiedlern jünger als 40 Jahre) weichen sie vom DDR-Querschnitt ab.

Dennoch bieten die Antworten auf den Fragebögen viele Aufschlüsse. Gekommen ist so etwas wie ein harter Kern. Zwei Drittel hätten die Ausreise auch dann beantragt, wenn es ihnen möglich gewesen wäre, die Bundesrepublik und andere westliche Länder ungehindert zu besuchen. Zwar haben 33 Prozent auf die Ausreisegenehmigung nicht sehr lange warten müssen, jedoch mußten 27 Prozent zwischen zehn und 30 Anträge stellen. Der überwiegenden Mehrheit ist die Rücknahme ihrer Anträge von den DDR-Behörden dringend nahegelegt worden. Zwar schlug der Ausreiseantrag für knapp die Hälfte beruflich nicht zum Nachteil aus; zwei Fünftel hingegen wurden entlassen oder in ihrem Betrieb mit einer schlechteren Arbeit bedacht. Zwar ist die Mehrheit der Übersiedler bei ihren Vorhaben von ihrer privaten Umwelt ermutigt worden, doch berichtet jeder vierte, daß Nachbarn, Bekannte, Freunde oder Kollegen zumindest vorsichtshalber den Kontakt abbrachen.