Sikhs dienten als Leibwächter Indira Gandhis, Sikhs in höheren Rängen der Armee werden verdächtigt, hinter dem Attentat zu stehen. Aus der Religionsgemeinschaft der Sikhs – zwei Prozent der indischen Bevölkerung – rekrutieren die Streitkräfte des Landes mindestens zehn Prozent ihrer Leute. Der Anteil der Sikhs unter den Geschäftsleuten und der politisch-administrativen Elite ist ähnlich hoch; sogar Indiens Staatspräsident ist Sikh. Der freilich, Zail Singh, ein Politiker von Indiras Gnaden, gilt vielen seiner Glaubensgenossen als Verräter, seit die nominell seinem Kommando unterstehende Armee im Juni das zentrale Heiligtum der Sikhs gestürmt hat – den Goldenen Tempel von Amritsar, in dem sich die militanten Sikh-Terroristen des Eiferers Jarnail Singh Bindranwale verschanzt hatten.

Singh – Löwe – ist der Familienname aller männlichen Sikhs, seit im Jahre 1699 der zehnte und letzte Guru Gobind Singh seine Anhängerschaft in der kriegerischen Bruderschaft der Khalsa ("Reinen") organisierte: Im Kampf gegen die Vorherrschaft der muslimischen Mogule war aus der anfangs pazifistischen Hindu-Sekte eine kriegerische Glaubensgemeinschaft geworden, deren fromme Bekenner sich seit Gobind Singhs Zeiten durch äußere Zeichen von ihrer Umwelt unterscheiden. Der lange Bart und der charakteristische Turban wurde bei den Pogromen nach Indiras Tod vielen Sikhs zum Verhängnis.

"Ein Sikh ist ein Hindu mit Turban", hieß es bis zum Ausbruch des Sikh-Terrorismus vor einigen Jahren. Zwar haben die Gurus der Sikhs islamische Glaubenselemente in ihre Lehre aufgenommen. Die Sikhs beten zu einem einzigen Gott und haben eine Art Bibel; sie haben nichts für die Heiligen Kühe der Hindus übrig und haben das Kastenwesen gemildert, ohne es ganz abzuschaffen. Trotzdem standen die Sikhs in der jahrhundertelangen Konfrontation zwischen Hindus und Muslimen immer auf der Seite der Hindus.

Im Punjab, der bis heute reichsten Provinz Indiens, die Khalsa- Armeen im 18. und 19. Jahrhundert gegen muslimischen Widerstand unterwarfen, ließen Hindu-Familien lange Zeit stets einen Sohn zum Sikh erziehen. Ehen zwischen Hindus und Sikhs waren die Regel, während die Abgrenzung zu den Muslimen eindeutig blieb. Darum verloren 1947 bei der blutigen Teilung des Subkontinents Millionen von Sikhs ihre Heimat im pakistanischen (und muslimischen) West-Punjab und flohen in den indischen Osten der Provinz oder weiter nach Delhi, Bombay oder in die englische und nordamerikanische Diaspora. Eine vergleichsweise protestantische Arbeitsethik machte viele Sikhs zu erfolgreichen Kaufleuten, wendigen Taxifahrern und einflußreichen Beamten.

Der hohe Anteil der Sikhs im indischen Militär geht auf die Kolonialzeit zurück. Die kriegerischen Sikhs wurden 1846 von den Engländern unterworfen; ein Jahrzehnt später schon dienten viele als brave Soldaten der Kolonialmacht im Kampf gegen rebellische Hindus. Im 20. Jahrhundert zählten Sikhs dennoch zu den eifrigsten Kämpfern für Indiens Unabhängigkeit.

In Amritsar, der heiligen Staat der Sikhs, richteten britische Truppen 1919 ein Blutbad unter unbewaffneten Demonstranten an – unabsichtliches Startsignal für die Unabhängigkeitsbewegung. 65 Jahre später starben hier wiederum Hunderte von Menschen – weil die Ministerpräsidentin des freien Indien in der radikalen Bewegung des Sikh-Führers Bindranwale eine Gefahr für die Einheit des Vielvölker- und Vielreligionenstaates sah. Auf den Tempelsturm, bei dem Bindranwale starb und große Teile der Tempelanlage zerstört wurden, folgten Monate ungeschickter Politik Indiras: Sie versuchte vergebens, verschiedene politische und religiöse Sikh-Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Die politischen Forderungen der wichtigsten Sikh-Partei Akali Dal sind auf den ersten Blick harmlos: Anerkennung der Sikhs als eigenständige Religionsgemeinschaft in der Verfassung, die Erklärung Amritsars zur heiligen Stadt, mehr Autonomie für die Provinz Punjab. Das alles aber wäre vielleicht nur der erste Schritt auf dem Weg, für den sich die Radikalen einsetzen. Eine autonome Sikh-Regierung könnte das reiche Punjab wirtschaftlich oder gar politisch vom armen Rest der Indischen Union abkoppeln; die Sikhs könnten die weitere Zuwanderung armer Hindus in ihre Provinz stoppen und die starke Hindu-Minderheit unterdrücken – das wiederum würde die Hindus im ganzen Land auch gegen die Zentralregierung aufbringen – und deren Wohlwollen war für Indira und ist für ihren Sohn wichtiger als der Schutz der Zwei-Prozent-Minderheit der Sikhs.