Von Manuela Reichart

An den Namen der Schriftstellerin Brigitte Reimann erinnert man sich bei uns vor allem, indem man an einen anderen denkt: "Franziska Linkerhand". So hieß der Roman, der ein Jahr nach ihrem Tod (als Fragment) erschien. In diesem Roman (von dem es später auch eine Theaterfassung gab) erzählt Brigitte Reimann auf knapp 600 Seiten im Wechsel zwischen Ich-Erzählung und objektivierendem Bericht vom Leben der jungen Architektin Franziska, die, trotz und wegen ihrer bürgerlichen Herkunft, an den Sozialismus und den Staat glaubt, die sich jedoch wehrt gegen Bürokratie und Planungswesen, dagegen, daß Häuser und Städte allein nach ökonomischen Gesichtspunkten ohne Ansicht der Lebensbedürfnisse ihrer Bewohner entworfen werden. Die Heldin der Geschichte will ihre Ideen von einem menschlichen Wohnen, vom menschlichen Sozialismus umsetzen in die Wirklichkeit; sie ist kompromißlos und radikal und stellt am Ende ihr privates Glück hinter die Arbeit.

"Franziska Linkerhand" (dtv, 1701): das wurde bei uns das bekannteste Buch der DDR-Autorin, und es ist das, an dem sie am längsten gearbeitet hat. Zehn Jahre lang lebte sie mit diesem Roman, den sie zu Ende schreiben wollte, als sie schon krank und schwach war, der für sie "ihr Werk" war, ihr großes, das bleiben sollte.

Die Gedanken, Hoffnungen und Verzweiflungen, die mit diesem Werk über so lange Zeit verbunden waren, kann man jetzt nachlesen in einem autobiographischen Band, der an die Schriftstellerin erinnert. Die Lektüre wird allerdings getrübt durch die unzureichende Edierung: Die Herausgeber haben auf einen ausführlichen und nötigen Anhang verzichtet, machen weder Kürzungen kenntlich noch einen Text als Brief oder Tagebucheintrag.

Der erste Brief, den man hier lesen kann, stammt aus dem Jahr 1947. Da ist Brigitte Reimann 14 Jahre alt, sie schreibt aus dem Krankenhaus, ihre Eltern mögen ihr doch Zeitungen und Bücher mitbringen. 340 Seiten später liest man den letzten Brief der nun 39jährigen an einen Freund, in dem sie vom Ende ihrer Zuversicht, vom Schmerz schreibt, ihm aber wünscht, er möge ein neues Buch anfangen. Krankheit und Schmerz, Literatur und Hoffnung: Leitmotive eines Lebens.

Zwischen diesen beiden Texten: das Leben einer radikalen und sinnlichen, klugen und selbstbestimmten Frau, der Schriftstellerin Brigitte Reimann, die einmal notiert hat "Ich sterbe, wenn ich nicht mehr schreiben kann."

Mit 20 Jahren schon, da ist sie Lehrerin und frisch verheiratet, gilt ihr Interesse, ihr Elan und ihr Hoffen dem Schreiben; sie will Schriftstellerin werden, das Gute, das Richtige den Menschen so nahe bringen. Die Zeit dafür ringt sie damals noch dem Ehemann ab, der sie nicht versteht, kein Intellektueller ist. Das gibt früh Streit und Mißklänge und der Ehe einen tiefen Riß. Die junge Frau aber sucht trotz aller Widerstände ihre Grenzen, in der Arbeit ebenso wie in der Liebe. Sie will prüfen, ob ihr Können für ihr Wollen ausreicht. Davon vor allem erzählen diese Briefe und Aufzeichnungen: wie eine Frau ihr Leben lang darum kämpft, ihr Schreiben-Können und ihr Lieben-Wollen zu verbinden; aber auch davon, wie eine Schriftstellerin versucht, ihre Uberzeugung davon, was ein guter Roman, eine gute Geschichte ist, durchzusetzen gegen Vormundschaft und politische Opportunität.