Das Buch des englischen Kunsthistorikers Michael Baxandall über "Die Kunst der Bildschnitzer", das der C. H. Beck Verlag soeben in deutscher Übersetzung herausgebracht hat, wurde gleich nach Erscheinen mit dem angloamerikanischen Mitchell-Preis für das beste Kunstbuch des Jahres 1980 ausgezeichnet. Es hat den Preis verdient.

Über die großen Schnitzaltäre der Dürerzeit und ihre Autoren, über Riemenschneider, Veit Stoß, Hans Leinberger, um nur einige prominente zu nennen, gibt es eine unübersehbare Flut von Publikationen, die sich mit der Ikonographie, mit Stilfragen, mit dem historischen Background, mit der Interpretation der Werke befassen. Auch Baxandall geht ausführlich und, kenntnisreich auf diese Probleme ein. Aber bevor sie überhaupt diskutiert werden können, so seine These, muß man das Material untersuchen, aus dem die Werke gemacht sind, und das ist, soweit die süddeutschen Bildschnitzer in Betracht kommen, das Lindenholz, genauer: das Holz der großblättrigen Sommerlinde, das weicher und leichter zu bearbeiten ist als das der Winterlinde. Umfänglich und gründlich werden die spezifischen Eigenschaften eben dieses Holzes beschrieben, seine Elastizität, seine latenten Spannungsverhältnisse, die Schrumpfungsprozesse und Jahresringe bis hin zur Zellstruktur, und wem das etwas abwegig oder überflüssig erscheint, wird bei der Lektüre dieses Traktates über das Lindenholz rasch eines Besserer. belehrt. Denn es geht natürlich nicht um die Gegebenheiten des Materials, sondern einzig darum, wie der Schnitzer mit ihnen fertig wird, wie er sie seinen Zwecken und Vorstellungen dienstbar macht. Baxandall versteht die Schnitzkunst also zunächst und primär als "aktive Einfühlung" in den Werkstoff.

Dieser Zusammenhang zwischen Material, Form und Stil wird an zahllosen Beispielen aus dem Schaffen der Bildschnitzer, auch in entsprechenden Detailaufnahmen einleuchtend nachgewiesen. Ein Werk wie das abgebildete Relief von Hans Leinberger aus der Moosburger Stiftskirche, datiert um 1513/14, zeigt die ganze Skala unterschiedlicher Möglichkeiten in der Oberflächenbehandlung, und erst wenn man die handwerkliche, die manuelle Qualität der Arbeit verstanden hat, kann man sich über den künstlerischen Rang des Bildschnitzers unterhalten.

Der umfangreiche Bilderteil demonstriert die Entwicklung der Holzskulptur von etwa 1475 bis 1525, von Multscher bis zum Meister von Ottobeuren – eines der schönsten Kapitel in der deutschen Kunstgeschichte.

Michael Baxandall: "Die Kunst der Bildschnitzer – Tilman Riemenschneider, Veit Stoß und ihre Zeitgenossen", aus dem Englischen von Brigitte Sauerländer; Verlag C. H. Beck, München, 1984; 404 S., 245 Abb., 108,– DM. Gottfried Sello