Stil und Machart von Henri Nannens Kolumnen

Von Ludwig Rohner

"...daß Kritik eine besondere Form der Liebe sein kann"

(Henri Nonnen, 19. Januar 1978)

Er war jeweils gleich zu finden: Auf der ersten Textseite eines Heftes blickte er dem Leser freundlich entgegen und klopfte ihn mit einem weniger gemütlichen Reiztitel aus dem Busch. Darunter wurde man, in seiner Handschrift, als "Lieber Sternleser!" angeredet und am Ende des Briefes mit seinem Namenszug verabschiedet, "herzlichst". Das wirkte druckfrisch, improvisiert, persönlich, mündlich – eben wie ein Brief.

Nun kann man nahezu alle Briefe aus fünfundzwanzig Redaktionsjahren zusammen lesen, 325, unverändert, auf 563 Druckseiten in zwei stattlichen Leinenbänden, illustriert mit zwei Dutzend glänzenden Photographien. Das Personenregister führt, ein balzac’sches Aufgebot, 840 Haupt- und Nebenakteure auf.

Wie bekommt es aktuellen Kolumnen, wenn man sie zwischen Buchdeckel preßt? Bestehen Nannens "Gelegenheitsbriefe" nachträglich die Probe einer zusammenhängenden und systematischen Lektüre? Nichts welkt so rasch wie die Aktualität des Tages. Aber seltsam: in diesen Bänden wirkt das Wenigste antiquiert.